Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 11-12 (10.3.1920)
- Article
- Deutschland
- Date
- 1920-03-10
- Page
- Seite 267 (sequence 2)
- Language
- German
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267 die alle ostjüdischen (und westjüdischen), Tag für Tag neu erörterten Gewinne aller Art eine Armseligkeit sind. Damit soll nicht gesagt werden, dass wir unsere Schieber decken oder gar begünstigen wollen. Das Gegenteil ist beabsichtigt. Wir wollen uns schärfstens gegen die Gleichstellung Ostjuden- Schieber wehren und je stärkeren Erfolg wir dabei erzielen, umso stärker werden wir selbst gegen unlautere Elemente bei uns vorgehen können. Eine starke Organisation wird mit der Zeit ein' Verantwortlichkeitsgefühl erzeugen können, das jetzt noch vielfach fehlt und in mancher, auch wirtschaftlicher Richtung, sanierend wirken können. Je stärker die Gemeinschaft der Ostjuden zusammengeschlossen wird, umso leichter wird es möglich, Auswüchse auszumerzen. Es wird etwas entstehen, was bisher den Östjuden vielfach fehlte, die ungeschriebenen Gesetze einer sozialen Schicht und die Instanz, welche die Verantwortung aber auch die Autorität der Gemeinschaft trägt. Durchaus erfreuliche Anfänge zeigen sich beim „Gesamt-Ausschuss der Ostjuden in München". Auch die politische Bedeutung der Ostjuden, deren Stärke durchaus in der bewussten Verbundenheit mit den Juden der ganzen Welt liegt, ist mehr als bisher zu betonen. Es ist ohne weiteres klar, dass eine derart ungeheure Arbeit nach aussen nur von einer organisatorisch und geistig stark gefestigten Gemeinschaft geleistet werden kann, einer Gemeinschaft, die sich ebenso ihrer Pflichten, als ihres Wertes in der Welt bewusst ist. Die verheerendste Wirkung des antisemitischen Verleumdungsfeldzuges ist ja bei d e n Juden (Ost- und Westjuden) selbst, die nicht genügend Kenntnis vom und Verbundenheit mit dem Judentum haben, eine innere Unsicherheit und allmähliche Uebernahme der antisemitischen Argumente, der mit der Zeit entstehende Glaube, dass die eigene jüdische (bezvv. ostjüdische) Gemeinschaft wirklich minderwertig sei. Daher kommt es, dass die Schichten, die bei anderen Völkern die Führung übernehmen, die an Besitz oder Bildung aufsteigenden, aus dem Ghetto entfliehen, das dann anscheinend stets gleich „kulturlos" und vor allem ohne politischen Willen bleibt. Diesen Auflösungstendenzen gegenüber, die den inneren Zusammenhang und die Widerstandskraft schwächen, ohne das Objekt der Anfeindungen zu beseitigen, ist eine intensive Pflege alles Jüdischen und engster Anschluss an die nationalen Hoffnungen des jüdischen Volkes notwendig, die allein die geistige und moralische Grundlage versprengter ostjüdischer Gemeinschaften sein können. Daraus ergibt sich die Richtung der jüdischen Innenarbeit, die anders als stark national weder Sinn noch Erfolg haben könnte. Vor allem ist eine systematische jüdische Jugenderziehung erforderlich, die der steigenden Entfremdung zwischen der alten und heranwachsenden Generation ein Ende macht und der Jugend den verloren gehenden lebendigen Zusammenhang mit dem Judentum und besonders mit der speziellen ostjüdischen Kultur zurückgibt. Absolut auszuschalten ist der Einfluss deutschjüdischer Wohltätigkeits-Anstalten, wie Kindergärten, Jugendhorte usw., die aus völligem Mangel an Einsicht und jüdischem Willen die geschilderten moralisch und politisch gefährlichen Auflösungstendenzen stärken, statt ihnen entgegenzuarbeiten. Die ostjüdischen Gemeinschaften dürfen nicht länger zugeben, dass „jüdische" Anstalten ihre Kinder aus unverständlichen Opportunitätsgründen mit nichtjüdischen Kindern zusammen unjüdisch erziehen. Die ostjüdische Jugend muss in ihren jüdischen Zusammenhängen so gestärkt, mit jüdischen Werten, religiösen und national-kulturellen, so erfüllt werden, dass sie innere Widerstandskraft gegen alle Anfeindungen gewinnt und lernt, auch als angefeindetste Menschengruppe Deutschlands ein würdiges Leben zu führen. Dass diese Erziehungsarbeit weder mit dem Schulende noch sonst mit einem bestimmten Alter beendet werden soll, versteht sich ebenso von selbst, wie die Notwendigkeit, mancherlei Unarten und Parvenü-Manieren, sowie die Ueberschätzung materiellen Besitzes erzieherisch zu bekämpfen. Die ostjüdische Organisation wird dahin wirken müssen, dass hier ebenso wie im ostjüdischen Ghetto, menschliche und jüdische Werte höher geschätzt werden, als Reichtum.