Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 11-12 (10.3.1920)
- Article
- Deutschland
- Date
- 1920-03-10
- Page
- Seite 266 (sequence 1)
- Language
- German
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266 Deutschland Der „Verband der Ostjuden", für den Ansätze in Berlin und in einer Reihe von Städten — in München im „Gesamt-Ausschuss" — vorhanden sind, hat als Zusammenfassung und Vertretung einer so von Hass und Verleumdung umstellten Bevölkerungsgruppe eine Aufgabe, die ebenso schwierig ist, wie ihre Durchführung unerlässlich. Er kann aber Erfolge nur erzielen, wenn es gelingt, wenn nicht alle, so doch den grössten Teil der in Deutschland wohnenden Ostjuden zu erfassen. Dabei ist das Problem von einer fast beängstigenden Vielgestaltigkeit und die einzelnen Fragen greifen so sehr ineinander, dass keine vernachlässigt werden kann'. Abwehr und Aufklärung nach aussen, Erziehung, Stärkung des Verantwortlichkeitsgefühls und schärfste Kontrolle im Innern. Die nächstliegende und anscheinend vordringlichste Aufgabe ist die Abwehr nach aussen; allein eine Arbeit ungeheuersten Umfangs. Es ist sowohl die Verlogenheit der von den Hetzern aller Schattierungen erhobenen Anwürfe aufzuzeigen., als auch die — besonders wirtschaftlichen — Werte der eingewanderten Ostjuden darzustellen. Es ist ein selbst von vielen Wohlmeinenden angenommenes Vorurteil, dass die Ostjuden wirtschaftliche Schädlinge seien. Wieviele wissen es, dass sie in manchen Industrien schöpferisch gewirkt haben? So kann die machtvolle deutsche Zigaretten-Industrie geradezu als eine Schöpfung der Ostjuden angesehen werden, wie, um einige bekanntere Beispiele aus dem Ausland heranzuziehen, die Diamantenindustrie Antwerpens bis zum Kriege, zu deren Neubelebung die belgische Regierung alle Anstrengungen macht, ihre Träger, die galizischen Juden, zur Wiedereinwanderung zu veranlassen, oder die Konfektions-Industrie New-Yorks. In der Entwicklung der deutschen Pelz-Industrie und des deutschen Pelzhandels haben die Ostjuden ungeheuer wertvolle, ja entscheidende Dienste geleistet. Die Beispiele lassen sich beliebig vermehren. Wer denkt etwa daran, welch wertvolle Vorarbeit die verachteten mit alten Hosen handelnden Ostjuden für die Einrichtung der im Kriege so nötig gewordenen Altbekleidungsstellen leisteten. Diese Dinge sind sorgfältigst zu ermitteln — zweifellos ein höchst interessanter Beitrag zur deutschen Wirtschaftsgeschichte — und der deutschen Oeffentlichkeit zu unterbreiten, für die, dank der widerstandslosen Hetze, Ostjude gleichbedeutend geworden ist mit Schieber, Wucherer, andererseits Revolutionär und Konnnunist. Den Deutschen und ganz besonders den deutschen Juden, die da äusserst eifrig waren, ist manches über die Verantwortung zu sagen, die ihnen dadurch entstanden ist, dass sie während einer langen Periode im Kriege, als es gerade passte, die Ostjuden zu Exponenten der deutschen Politik und damit des Deutschenhasses gemacht haben. Wenn man in Deutschland nicht genug Verantwortungsgefühl hat, sich Gedanken darüber zu machen, wieso es kam, dass nach dem Zusammenbruch im Osten Deutschen- und Judenverfolgungen miteidander verbunden waren, so müssen wir Ostjuden da nachhelfen. Es wird eine reizvolle Aufgabe sein, die Kundgebungen der deutschen Heerführer an die Juden oder die deutschen (besonders die deutschjüdischen) Pressestimmen jener Zeit mit denen unserer Tage zn vergleichen und die politische Moral aufzuzeigen, die sich aus diesen Vergleichen ergibt. Da wird doch mancher Deutsche (und mancher deutsche Jude) nachdenklich werden! — Es wird nicht zu leugnen sein, dass es auch ostjüdische Schieber gibt. Aber die ekelhafte Heuchelei, mit der die Ostjuden als die eigentlichen Träger der verkommenen Wirtschaftsmorui unserer Zeit bezeichnet werden, die schliesslich nichts anderes als der Ausdruck unserer durch den Krieg heruntergekommenen Wirtschaft, ist zu entlarven. Die Schichten, die am skruppellosesten gegen die Ostjuden hetzen und. die ganze Judenhetze überhaupt tragen, die Schwerindustriellen und Grossgrundbesitzer, haben Kriegsgewinne gemacht, teilweise in geradezu hochverräterischer Weise dem Staat abgezwungen (siehe Granatenstahl), gegen