Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 11-12 (10.3.1920)
- Article
- Deutschland
- Date
- 1920-03-10
- Page
- Seite 268 (sequence 3)
- Language
- German
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268 Eine besondere Aufgabe bildet für die Ostjuden in Deutschland die Notwendigkeit höchster Hilfsbereitschaft für die im Osten lebenden Juden und besonders für die zu erwartende Massen-Auswanderung. Neben der eigenen Hilfstätigkeit könnten die Ostjuden Deutschlands Wertvolles leisten, als die geeignetsten Vermittler für die westindischen, besonders die'amerikanischen Hilfsorganisationen. Schon bei der bevorstehenden allgemeinen jüdischen Hilfskonterenz in der Schweiz sollen die Ostjuden Deutschlands ihrer Bedeutung entsprechend vertreten sein. Auch das übrige Unterstützungswesen ist zu organisieren. Nirgends gibt es soviel Wohltätigkeit wie bei den Ostjuden und doch erheben deutschjüdische Organisationen und Gemeinden mit einem Schein von Recht den Vorwurf, als müssten sie — und sie allein — ostjüdische Arme unterstützen. An, dem für Ostjuden bestimmten Fürsorgewesen hat sich die Organisation durch Beschaffung von Mitteln aber auch durch Teilnahme an der Verantwortung und Leitung zu beteiligen. Die Ostjuden lassen sich im Wohltun von niemand überbieten. Es darf aber nicht mehr vorkommen, dass ein Gemeindevorsteher sagen kann: „Der grösste Teil unserer Unterstützungsgelder geht an Ostjuden". Den Ostjuden in Deutschland bleibt keine Wahl, als sich durch energisches Zusammenwirken aller eine kraftvolle Organisation zu schaffen, die stark genug ist, der Verleumdung und Verfolgung, die von allen Seiten kommen, energisch entgegenzuwirken, denn vorläufig zeigt sich niemand, der für sie eintritt. (Die zionistische Organisation und das „Arbeiterfürsorgeamt" in Berlin ausgenommen.) Bei energischer eigener Arbeit werden sich auch Bundesgenossen finden. „Das Jüdische Echo" 10/1920. . Jakob Reich. Ausland Frankreich. Die- „Liga für Menschenrechte (Ligue des Droits de l'Homme) veranstaltete am 13. Februar eine grosse öffentliche Versammlung, ' in der die Bevölkerung von Paris gegen die osteuropäischen Judenpogrome Protest erheben sollte. Sechstausend Männer und Frauen nahmen an dieser Versammlung teil. In seiner einleitenden Rede betonte Ferdinand Buisson, der Präsident der Liga, dass der Zweck 1 der Zusammenkunft jenseits aller Politik nichts sein solle, als' ein Protest denkender und fühlender Menschen gegen Verbrechen, die an Menschen begangen worden seien/Sodann gab Victor Bäsch, Dozent der Sorbonne, eine eingehende Schilderung des Pogromschreckens in Polen und in der Ukraine. Er nannte Dmowski und TPaderewski als die in Wahrheit Verantwortlichen. Marcel C a c h i n sagte unter anderem: „Wenn es wahr sein sollte, dass die Juden als revolutionierender Gärstoff gewirkt haben, so kann sie uns das nur um so lieber machen/4 Die Kirche war durch den klerikalen Abgeordneten S a g n i e r und Pastor Dur lern an vertreten, für die Frauen sprach Madame S e v e r i n e. Von besonderer Bedeutung war ein Brief des Generalsekretärs der Congregation G£n£rale du Travail Jouhaux. Es heisst darin: „Die Stellungnahme der organisierten Arbeiterschaft zur jüdischen Frage unterliegt keinem Zweifel und kann keinem Missverständnis begegnen. Ihr Bestreben, eine Vereinigung aller Völker herbeizuführen, lässt sie die trennenden Momente der Rasse verneinen und lässt sie unter gar keiner.« Umständen verstehen, dass religiöse Unterschiede den Vorwand abgeben für Akte der Intoleranz und Brutalität. Sie protestieren daher im schärfster Form gegen die Verfolgungen, deren Opfer jüdische Siedlungen geworden sind---- Unser Protest wird begleitet vom Ausdruck schmerzlichsten Erstaunens darüber, dass Völker, die gestern selbst noch ungerechterweise ein fremdes Joch tragen mussten, heute bereits gegen eine Rasse jene Massnahmen der Bedrückung anwenden, die sie verdammten, solange man sie ihnen gegenüber anwandte____ Die Zu-