Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 11-12 (10.3.1920)
- Article
- Die Wohnungsfrage
- Date
- 1920-03-10
- Page
- Seite 260 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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260 zu erhalten. Während meiner Anwesenheit kaufte ein jüdischer Arbeiter zwei ganz dünne Scheiben trocknen Brotes, für die er 1,20 M. bezahlen musste. Die Besucher sind etwa 80% Juden. 2. In der Privatherberge Lietzrnannstrasse 26, die ebenfalls einem Christen gehört, sind 160 Betten vorhanden, die ebenfalls nicht bezogen sind, auch durchaus unsauber und für die 1,50 M. pro Nacht bezahlt werden müssen. Die Leute werden hier auf Sauberkeit nicht kontrolliert. Besucher sind Juden wie Christen, Majorität Juden, die sich besonders darüber beschweren, dass ihnen Nachts meist Geld und Sachen gestohlen werden. 3. In den jüdischen Hotels Grenadierstrasse 40 und 34, die galizischen Juden gehören, bestehen ganz skandalöse Verhältnisse. Die einzelnen Zimmer sind klein, eng, Bett steht neben Bett, ein verpesteter Geruch strömt aus den Räumen, die Betten selbst sind meist zerbrochen und sehr unsauber. Die jüdischen Arbeiter müssen für das Bett 3—5 M. bezahlen, oft zu zweien in einem Bett liegen, mitunter auch auf dem blossen Fussboden, wofür sie ebenfalls denselben Preis zahlen müssen. In den Lokalen selbst werden auch Stühle zu den unglaublichen Preisen von 2-3 M. pro Nacht vermietet. 4. In dem jüdischen Privatmittagstisch Hirtenstrasse 18 schlafen die Leute zu drei bis fünf Mann in kleinen stinkenden Räumen auf meist zerbrochenen Sofas und zahlen ebenfalls pro Nacht 3—5 M. In einzelnen jüdischen Herbergen versuchten die Besitzer mich durch Speisen, Getränke oder Zigaretten zu beeinflussen. 5. Im Wartesaal des Fernbahnhofes Alexanderplatz fand ich Nachts zwischen 1 und 2 Uhr ungefähr 16 jüdische Arbeiter, die dort übernachteten. Vor dem Wartesaal standen zwischen 2 und Uhr noch 5—6 Mann, welche warteten, bis der Wartesaal um 3 Uhr wieder geöffnet wird, um dann den Rest der Nacht weiter schlafen zu können, da der Saal von l/^2 bis 3 Uhr geschlossen ward. Die Leute müssen eine Fahrkarte haben oder einen Gepäckschein, um dort die Nacht über sich aufhalten zu können. Sonst werden sie herausgewiesen. Einzelne, die ich fragte, schliefen schon etwa 3 Tage, einer sogar schon 8 Tage in dem Wartesaal. Ein Beamter der Bahnpolizei führte mich zu einem 34 Jahre alten, gesundheitlich vollkommen heruntergekommenen, verhungerten jüdischen Maler aus Galizien, der mit seinen Kindern, einem dreizehn Jahre alten Mädchen und einem 12 Jahre alten Jungen, dort schon eine Woche lang regelmässig Nachts hinzukommen pflegte und den er aus Mitleid dort gelassen hat. Er erzählte mir, dass einmal, als der Vater nicht im Saal anwesend war, zwei Soldaten versuchten, das Mädchen zu verführen und mit ihr schon weggegangen waren. Er selbst sei ihnen nachgelaufen und hätte das Mädchen in Gewahrsam genommen und dann dem Vater übergeben. Der jüdische Maler selbst behauptete, er wäre bei der jüdischen Gemeinde gewesen und hätte dort gebeten, wenigstens seine Kinder irgendwo unterzubringen, um sich um Arbeit bemühen und nach ausserhalb fahren zu können. Die Gemeinde hätte ihn aber herausgeworfen. Zu dein Bericht unseres Beamten ist zu bemerken: Seit langer Zeit mehren sich dauernd die Klagen jüdischer Arbeiter und Flüchtlinge über schlechte Behandlung und Auswucherung von Seiten jüdischer und christlicher Herbergen. Die jüdischen Arbeiter sind gezwungen, jeden Preis für Unter-