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Neue jüdische Monatshefte · 1920-03-10 · Heft 11-12 (10.3.1920) · p. Seite 261

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 11-12 (10.3.1920)
Article
Die Wohnungsfrage
Date
1920-03-10
Page
Seite 261 (sequence 7)
Language
German
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261 kommen zu bezahlen, da sämtliche Unterkunftsmöglichkeiten Nacht für Nacht besetzt sind. Die Verhältnisse, wie sie hier oben von einzelnen Herbergen und Wartesälen geschildert werden, wiederholen sich in allen Bahnhöfen und Herbergen und jede nächtliche Kontrolle derselben ergibt immer wieder das gleiche Bild. Eine Dehmel - Erinnerung. Von Satnmy Qronemann tn seinem Kriegstagebuch „Zwischen Volk und Menschheit" hat Dehmel die verhältnismässig kurze Zeit, welche er in Kowno beim Buch-Prüfungsamt des Stabes Ober-Ost verbracht hat (4. September bis 10. November 1916) ziemlich kurz behandelt. Von dem, was er dort vom jüdischen Volksleben beobachtet hat, spricht er fast gar flicht. Das liegt offensichtlich mehr an äusseren Umständen und daran, dass er bei der Redigierung der letzten Abschnitte seines Buches durch die grossen 'Umwälzungen in Deutschland innerlich so stark in Anspruch genommen und aufgewühlt war, dass ihm eine beschauliche Schilderung unmöglich wurde. Mir aber, der ich das Glück hatte, in jener Zeit mit ihm in Berührung zu kommen, hat sich naturgemäss vieles unverwischbar eingeprägt, was ihm bei der Niederschrift wenig bedautsam erschien und was vielleicht auch für das allgemeine Publikum nicht allzu grosses Interesse besitzt. Einiges davon möchte ich wiedergeben. Dehmel fuhr auf einige Tage nach Wilna, um diese Stadt kennen zu lernen und speziell auch das jüdische Leben dort. Ich riet ihm, es so einzurichten, dass er am Versöhnungstag dort den Gottesdienst in der alten Synagoge besuchen könne. Er kam im höchsten Masse angeregt 'und interessiert zurück. Ueber den Eindruck,' den Wilna auf ihn gemacht hatte, sprach er geradezu überschwänglich. Er erklärte, dass Wilna auf ihn einen grösseren Eindruck gemacht habe, als selbst Rom. Vor allem hatte ihn das iTreiben in den engen Gässchen um die Deutsche Strasse herum, das eigentliche Judenviertel, gefesselt. Der Höhepunkt aber 'war, wie ich es nicht anders erwartet hatte, der Gottesdienst in der alten Synagoge. Er hatte den wundervollen Herschmann vorbeten gehört und behauptete, das sei mit der höchste künstlerische Eindruck seines Lebens gewesen. Vor allem aber, sagte er, sei ihm im Tempel zu Wilna zum erstenmal der Begriff der „betend-en Gemeinde" aufgegangen, jetzt erst glaube er auch das Volk der Psalmen zu verstehen, jetzt wisse er, was es heisse, wenn der Ruf einer Menge zum Himmel emporsteigt- — An 'einem Sabbatmittag geleiteten Hermann Struck und ich den Dichter zu dem primitiven aber vorzüglichen jüdischen Restaurant von Miclielsohn, ,in dem wir ständig ,assen, um ihn mit den traditionellen Sabbatgerich teil! bekannt zu machen. Dehmel war an jenem Tage in grosser Erregung. Er hatte an diesem Sabbat vormittag einen besonders heftigen Zusammenstoss mit der Bürokratie gehabt und zog unterwegs gewaltig (über die Machthaber her, welche dort durch schematische Verordnungen und in bornierter Ueberh'ebüchkeit allerhand Unheil stifteten. Was er da auszusetzen hatte, kann in seinem Buch nachgelesen werden. Aber damals lies-s er sich mit einer Urwüchsigkeit und

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