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Neue jüdische Monatshefte · 1920-03-10 · Heft 11-12 (10.3.1920) · p. Seite 259

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 11-12 (10.3.1920)
Article
Die Wohnungsfrage
Date
1920-03-10
Page
Seite 259 (sequence 5)
Language
German
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259 stärkeren Einwanderung und dem Anwachsen der Siedlung die soziale Form des jüdischen Erwerbslebens. Zwar sollen, wie uns von eingewanderten Ostjuden berichtet wird, die Gewerkschaften den Handwerkern zunächst die Ausübung ihres Berufes ausserordentlich erschwert oder ganz unmöglich gemacht haben. Beweise durch uktenmässiges Material fehlen aber vollkommen für diese angeblich gewerkschaftliche Politik, Sie ist auch schwer glaublich, steht sogar in Widerspruch mit gewerkschaftlichen Tendenzen. Eher ist anzunehmen, dass die Handwerkerkammern an die Ausübung des Berufes gewisse Bedingungen über die Vorbildung und Prüfung knüpften. Im allgemeinen aber waren die wirtschaftlichen Verhältnisse Berlins schon in den 80 er Jahren einem Eindringen der Ostjuden in verschiedene Erwerbszweige günstig. Es bildeten sich — in bescheidenstem Umfange — auch spezielle jüdisdhe Gewerbe heraus. Aber der Ostjude, der deutsch sprach, war nicht angewiesen, auf die Arbeitsgelegenheiten, die ihm von Glaubensgenossen und Landsleuten geboten wurden. Ein Faktor von nicht geringer Bedeutung. ,,Es gibt einen Augenblick im Leben des Einwandernden, wo er Gefahr läuft, ausgebeutet zu werden und auf die Löhne zu drücken, wenn er nämlfch fremd und der Sprache unkundig bei Landsleuten Arbeit sucht/'0) Die überwiegende Mehrzahl der ostjüdischen Einwanderer kommt schon mit einigen Kenntnissen der deutschen Sprache hierher. Ausserdem vollzieht sich in kurzer Zeit eine sprachliche Angleichung wenigstens im Geschäftsleben. Zu Hause sprechen die Ostjuden ziemlich lange nach ihrer Einwanderung noch den Jargon. Die Berufsstatistik von 1Q10. beweist, dass es den Ostjuden tatsächlich gelungen ist, in vielen Berufen Fuss zu fassen, wene auch in einzelnen in sehr geringer Anzahl. Nur zum kleinsten Teil beschränkt sich aber das Arbeitsfeld auf die Ghettogegend. Der Ostjude, der von Berlin schon mehr kennt als nur die Grenadierstrassengegend und nächste Umgebung, sucht seine Wohnung mehr in der Nähe seiner Tätigkeit. Daher ist das eigentliche Ghetto trotz der stärkeren Einwanderung im Laufe der Jahre nicht umfangreicher geworden. Hier ist zwar das ostjüdische Leben am intensivsten spürbar und tritt auch dem Unbefangensten sofort in Erscheinung. Aber es umschliesst nur einen Teil der ostjüdischen Bevölkerung und repräsentiert nicht, wie z. B. Eastend in London die Summe aller hier lebenden ostjüdischen Individuen. * * * Ueber die augenblicklichen Wohnungsverhältnisse gibt ein „Bericht über Herbergen in Berlin" Aufschluss, den wir dem KorrespondenzblaU des Jüdischen Arbeitsamtes entnehmen. 1. In der Privatherberge Bhimensirasse 69, die einem Christen gehört, bezahlen die Leute für Schlafen 1,50 M. pro Nacht. Vor dem Schlafengehen werden sie untersucht, ob sie sauber sind. Falls dies nicht der Fall ist, bekommen sie 75 Pfennige zurück und müssen die Herberge verlassen. Wie der Besitzer selber erklärt, werden täglich sehr viele von ihnen weggeschickt so dass hier die Arbeiter oft 75 Pfennige bezahlen, ohne irgend ein Quartier G) Die Ausländer und der Pariser Arbeitsmarkt von Dr, Käthe Schirrmacher. Arch. f. Sozialwiss. XXVII, 190S.

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