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Neue jüdische Monatshefte · 1920-03-10 · Heft 11-12 (10.3.1920) · p. Seite 258

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 11-12 (10.3.1920)
Article
Die Wohnungsfrage
Date
1920-03-10
Page
Seite 258 (sequence 4)
Language
German
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258 ringere Zahl ein engeres Beisammenwohnen der Gruppe begünstigt. Die öründe, die ungeachtet der Entstehung und besonderen Gestaltung des Ghetto zu einer örtlichen Zerstreuung der Ostjuden innerhalb der von ihnen bevorzugten Stadtteile geführt haben, sind so mannigfaltiger Art, dass wir hier nur auf einen wesentlichen Punkt näher eingehen können. Ueberallj wo ein Ghetto entsteht, bildet es sidi in jener Gegend, die schon eine starke jüdische Bevölkerung aufweist und in der Nahe der bedeutendsten Institutionen der jüdischen Gemeinde. Man hat die sehr merkwürdige und eigenartige Erscheinung des 'Ghetto auf die verschiedensten Ursachen zurückgeführt. Das Vorhandensein religiöser Anstalten und Synagogen, die Möglichkeit, in der nähe koscheres, d. h. nach Vorschrift geschlachtetes Fleisch zu bekommen, die Gewissheit, Glaubensgenossen aus derselben Gegend vorzufinden, diese ideologischen Motive haben sicher auf die bestimmte Art der Niederlassung grossen Einfluss gehabt. Ihr Vorherrschen führte zu Beginn der Einwanderung recht eigentlich zur Entstehung des Ghetto überhaupt. Aber für eine jüngere ostjüdische Generation kommen diese Faktoren nicht mehr ausschliesslich und nicht mehr «in gleicher Bedeutung in Betracht. Ob also mit der grösseren Einwanderung die Tendenz zur Ghettobildung stärker oder schwächer wird, das Ghetto also sich erweitert oder den alten Umfang behält, hängt wesentlich ab von jenen objektiven Bedingungen, unter denen die Ostjuden sich wirtschaftlich entwickeln können. In England war es für die ostjüdischen Einwanderer von den ersten Tagen ihres Aufenthaltes an sehr schwer, ja fast unmöglich, in das Bereich englischer Arbeit einzudringen. Die Gründe können und wollen wir hier nicht weiter ausführen. Die Tatsache bleibt bestehen, dass die Ostjuden gezwungen waren, sich eine eigene ökonomische Welt aufzubauen. Die enge örtliche Konzentration erleichterte den wirtschaftlichen Zusammensdhluss. Innerhalb des East-End entwickelten sich die speziellen jüdischen Gewerbe, die billige Bekleidungsindustrie, die 'keineswegs der regulären heimischen Produktion Konkurrenz macht, sie im Gegenteil erweitert. Jeder einwandernde Ostjude hat dadurch Gelegenheit und Möglichkeit, in einer dieser speziellen Industrien rasch Arbeit zu finden. Er sucht' ganz selbstverständlich sein Unterkommen in den betreffenden Teilen des East-End. In Berlin besteht die Notwendigkeit eines wirtschaftlichen Zusammenschlusses der Ostjuden nicht. Sie bestand selbst zu Beginn der Einwanderung nur in geringem Masse. In den ersten Jahren ihrer Entstehung fehlte der ostjüdischien Niederlassung noch jede soziale Differenzierung. Es gab allerdings soziale Unterschiede nach dem Grade jüdischen Wissens und Talmudgelehrsamkeit, aber es gab nur einen Stand, das Händlertum. Selbst wer in der Heimat ein Handwerk betrieben hatte, war hier zunächst Handelsmann. „Der Handel kann immer noch mehr Menschen aufnehmen als die primäre Produktion, und er ist darum das indizierte Gebiet für den Fremden, der gewissermassen als Supernumerarius in einen Kreis dringt, in dem eigentlich die wirtschaftlichen Positionen schon besetzt sind/'5) Allmählich aber änderte sich mit der 6) Soziologische Untersuchungen über die Vergesellschaftung von Georg Simmel. Leipzig 1908.

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