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Neue jüdische Monatshefte · 1920-03-10 · Heft 11-12 (10.3.1920) · p. Seite 257

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 11-12 (10.3.1920)
Article
Die Wohnungsfrage
Date
1920-03-10
Page
Seite 257 (sequence 3)
Language
German
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257 Häufig fehlen die Möbel vollständig. Oft vertreten Eierkisten Tisch und Betten. In einem Zimmer war, wie uns von den Revierbeamteft berichtet wird, bis zu iy2 m altes Zeitungspapier aufgetürmt, in dem die Bewohner schliefen. Ein schmaler Raum im Zimmer war freigelassen. Hier standen alte Konservenbüchsen, die als Kochgeschirr dienten. Durchschnittlich wohnen in einem Zimmer 4—6 Personen, so dass viele Wohnungen übervölkert sind. In den letzten Jahren haben sich aber die Wohnungsverhältnisse etwas gebessert, da die Polizei eine scharfe Kontrolle führt und häufiger zwangsweise eine Reinigung vornehmen Jässt. Das ostjüdische Proletariat ist als Mieter den Wirten nicht unwillkommen. Die Ostjuden begnügen sich mit jedem Raum und verlangen gar .keine Reparaturen. Viele Zimmer würden überhaupt keine Mieter finden, so primitiv sind sie, wenn nicht das ostjüdische Proletariat sich hier ansiedelte. Trotz .ausgeprägter Eigenart unterscheidet sich aber das Berliner Ghetto sehr wesentlich von den Ghetti der Haupteinwanderungsländer. East-Side in Newyiork und East-,End in London bilden von den Tagen der ersten Einwanderung bis auf heute das Gebiet der gesamten jüdischen Einwanderung.4) Anders in Berlin. Zwar wohnt der weitaus grösste Teil der jüdischen Bevölkerung, 80,22 o/o in der mittleren Zone, dem Norden und Osten. Unter der männlichen Bevölkerung dieser Gegenden sind 4,73 o/o, unter der weiblichen 3,34o/0 ostjüdisc'h. Diese Zahlen bedeuten auf den ersten Blick eine ziemliche starke räumliche Konzentration, Denn der Anteil der Ostjuden an der Berliner Gesamtbevölkerung; ist minimal. Er beträgt unter der männlichen Bevölkerung 0,60 o/0, unter der weiblichen 0339 °/o. Aber es handelt sich hier mehr um ein Bevorzugen bestimmter Stadtteile als um eine Konzentration auf einem abgegrenzten fest bestimmten territorialen Gebiet. Die Ostjuden verteilen sich über die Mitte bis zur äussersten Peripherie und im Laufe der Jahre ist die Zerstreuung innerhalb der Stadtteile stärker geworden. In London ist durch die ostjüdische Einwanderungsbevölkerung die einheimische Bevölkerung aus bestimmten Stadtteilen tatsächlich! verdrängt worden. Eine Folge der stärker werdenden Einwanderung, die den lebhaftesten Unwillen hervorgerufen hat In Berlin hat eine Verdrängung unter dem Proteste einheimischer Bewohner aus bestimmten Gegenden trotz zunehmender Einwanderung keinesfalls stattgefunden. Hier sucht heute der einwandernde Ostjude nicht nur in den Strassen des. Ghetto Wohnung. Er geht auch in Gegenden, in denen noch wenigöder gar keine Jufden wohnen. Ausdrücklich bemerken wir, es handelt sich hier nicht um wohlhabend gewordene Ostjuden, die völlig akklimatisiert nur noch auf Grund statistischer Untersuchungen mit der ostjüdischen Gesamtgruppe in Zusammenhang gebracht werden können. Uns interessiert die Frage, wieso die örtliche Konzentration der spezifisch ostjüdischen Elemente in Berlin in weitaus schwächerem Grade und sehr viel lückenhafter durchgeführt ist, als z. B. in London und Newyiork, obwohl die gc- *) N. W. Goldstein, New-York, Die Konzentration wder jüdischen Einwanderungsbevölkerung in London, Zeitschr. f. Demographie und Statistik der Juden. Januar 1909, 5. Jahrg. H. 1.

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