Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 11-12 (10.3.1920)
- Article
- Die Wohnungsfrage
- Date
- 1920-03-10
- Page
- Seite 256 (sequence 2)
- Language
- German
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256 Grenadierstrasse in der Gegend der Dragonerstrasse und der Schend'eigasse ganz erfüllt von einem lebhaften Hin und Her. Frauen sitzen vor der Türe oder wandern auf und a!b. Das Umschlagetuch um die Schultern und viele mit dem „Scheitel".2). Kinder spielen herum und überall stehen die lebhaft gestikulierenden Männer —. mfeist Galizier — in den langen schwarzen Röcken. Man 'kann sie schon vom frühen Morgen an beobachten. „Es ist, .als lebten sie auf der Strasse/' Sicher ist ihnen der Aufenthalt tauf der Strasse Geschäft, Erholung und Zerstreuung. Sie gehen hierher wie andere in die Börse, ins Cafe oder in das Theater. Die Kinder der Gegend kennen kaum mehr als ihre Strasse und den Schulweg. Ein einziger von etwa 20 sieben- bis zehnjährigen Jungen, die in der Grenadierstrasse spielten, kannte den Friedrichshain, „Die Tatsache, dass ein 12jähriger Knabe bei einer Abendwanderung staunend die in glühenden Farben untergehende Sonne betrachtete und erregt fragte, was das sei und ferner, dass von zehn Kindern acht noch niemals eine. Windmühle gesehen hatten, beleuchten hinreichend die Verhältnisse, unter denen die jüdische Proletarierjugend aufwächst."3) Eine Besserung in dieser Beziehung strebt das jüdische Volksheim, von dem noch zu sprechen sein wird, mit grosser Energie und Umsicht an. Die WohnungsVerhältnisse in den ausgesprochen jüdischen Strassen unterscheiden sich im allgemeinen nicht sehr von den Wohnungsverhältnissen der einheimischen Bevölkerung dieser Gegend, Die ostjüdische Familie, die schon längere Zeit hier ansässig ist und ihren Unterhalt findet, sieht auf Reinlichkeit und Wohnlich'keit. Im Hirtenviertel sind häufig gerade die von Ostjuden bewohnten Räume ausreichend und gut möbliert. Eine Beobachtung, die uns durch Berichte von Revierbeamten des 15. Polizeireviers bestätigt wird. Sehr viel schlechter aber als die entsprechende einheimische Bevölkerungsschicht lebt — zumal in den ersten Jahren der Einwanderung —.das ostjüdische Proletariat. Das Existenzminimum des ostjüdischen Proletariats ist unendlich niedrig entsprechend den jammervollen Daseinsbedingungen in in den Heimatländern. Zu dieser Bedürfnislosigkeit gesellt sich ein ausserordentlich stark ausgeprägter Spartrieb. Die Berichte der Revierbeamten bemerken mit Erstaunen, dass arbeitswillige und arbeitfindende Ostjuden, selbst wenn sie bei der Einwanderung so gut wie nichts besassen, sich verhältnismässig schnell durch ganz unglaubhafte Bedürfnislosigkeit etwas zusammensparen. Der Besitz von Kapital, sei er noch so klein, gibt dem Ostjuden die Möglichkeit zu handeln, Geschäfte zu machen, selbständig zu werden, eröffnet ihm für die Zukunft bessere Lebensbedingungen für sich und besonders für 'seine Kinder. Für dieses Ziel hungert er und führt ein elendes Leben. Infolgedessen sieht man Behausungen, die, wie der Revierbeamte berichtet, nur betreten werden dürfen ,Hmit einem Schnaps innen und aufgekrempelten Hosen aussen". Es herrscht ein unbeschreiblicher Schmutz und eine nicht zu überbietende Armseligkeit. a) Die orthodox-religiöse Jüdin trägt seit ihrem Hochzeitstage eine Perücke. 8) Das jüdische Volksheim Berlin, 1. Bericht Mai-Dezember, 1916.