Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 11-12 (10.3.1920)
- Article
- Aussenpolitik und Ostjudenfrage
- Date
- 1920-03-10
- Page
- Seite 248 (sequence 5)
- Language
- German
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248 unserer Wirtschaft nachreden können, stehen, seibst von den in, De*utisdvland lebenden, immer fünfzig redliche und nützlich Arbeitende gegenüber, und wir werden uns nicht zu beschweren haben, wenn unsere eigenen Auswanderer in der leidigen Fremde mit dem Masse gemessen werden, das wir selbst an Einwanderer legen, wenn wir sie summarisch mit Hemmungen aller Art belegen. Wir bedürfen des Entgegenkommens, selbst der Ostjuden, meine Herren, die Wage hat sich ein wenigzu unseren Gunsten gehoben; und ich wenigstens lehne die Verantwortung ab, für so. dumme Eingriffe ins Werden neuer Lebensbeziehungen unserer kranken empfindlichen Wirtschaft/' 5. Würde man einen Politiker anhören, der so spräche? Würde man ihm beipflichten und glauben? Ich weisses nicht. Ich aber, der ich die Ostjuden kenne und der ich an anderem Orte von ihnen reden werde, sage zum Schlüsse: abgezogen die Anbetung der Gewalt, die unter ihnen vereinzelter ist, als anderswo und ganz neu sind es Menschen wie andere, uns bewährter, unverfälschter, zu allem Guten hinreissbar und verführbar zu weniger Schlechten als die Menschen im Westen. Was man gegen sie auch unternehme, man wisse nur, dass wir es gegen uns getan fühlen und dass wir, nicht nur als Juden, sondern als Deutsche vor allem, uns dagegen nach Kräften wahren werden. Die Liebe zum deutschen Wesen und Geiste, von der am Anfange die Rede war, hat viele von diesen jungen und alten Ostjuden noch freute nicht verlassen, und wenn« die deutsche Politik sich nicht den besten Seiten oder den du;rchschnittlichen irgend eines Volkstums anpasst, sondern in böswilliger und gehässiger Ausbeutung augenblicklicher deutscher Notlage (Universitäten sind vorangegangen!) den schlechten und verurteilenswerten Instinkten derer folgt, die sich, um jenes Volkstum zu 'kennzeidhnen, an den niedrigsten Typus halten den es aufweist, so schadet sie zwiar li^iii Augenblick einigen tausend Ostjuden aber auf die Dauer und ganz tief vor allem dem deutschen Wesen. Die Lüge, der man diese vier Kriegsjahre verdankt und all ihre üblen Folgen, wäre nicht so gut geglaubt worden, wenn nicht den Deutschen von der chauvinistischen Schule an bis hinauf in die Parlamente und Zeitungen von allen Nachbarvölkern blöde Zerrbilder geboten worden wären, wenn sie nicht auf Frankreich mit „Decadence", auf England mit „business", auf Amerika mit „Humbug" und auf Serbien mit „Läusen" zu reagieren wohl dressiert worden wären. Nun wohl, auf Ostjuden reagiert man heute mit „Wjucher" und dann wJundert man sich, wenn Europa, sachlich unterrichtet, mit tiefem Misstrauen den Deutschen ansieht, der als ewiger Schuljunge, von keiner Katastrophe belehrbar, statt der Dinge selber Schlagworte seiner verderblichsten und gehässigsten Schulmeister nachschwatzt und befolgt;. Politik geht nach Ideen; Gerechtigkeit und Anstand sind auf die Dauer stärkere Realitäten als Rohstoffe und Hunger, und darum wehe dem Volke, das sich, ohne die grosse Achtung- Vor sich selbst, die man Selbstbeherrschung nennt, unter dem Schein einer sachlichen Massregel von der Wut und Verachtung hinreissen liesse, die man ihm einem Schwächeren und im übrigen Unbekannten gegenüber eingeflösst hat. So wird immer nach dem Masstab gemessen werden, den man selbst anlegt und all die