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Neue jüdische Monatshefte · 1920-03-10 · Heft 11-12 (10.3.1920) · p. Seite 249

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 11-12 (10.3.1920)
Article
Aussenpolitik und Ostjudenfrage
Date
1920-03-10
Page
Seite 249 (sequence 6)
Language
German
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249 höhen' Tugenden des deutschen Wesens, die wir hinter einer hasslichen anarchischen Oberfläche umbildend arn Werke wissen, werden ihm nichts helfen. Der Fremde urteilt nach den Taten, die er sieht und die ihm das Unsichtbare verdecken — der Fremde, der "heute für Deutschland Europa heisst, und der Herr der Politik ist. Die Politik aber ist das Schicksal. Ostjuden und Volkswirtschaft Von Dr. Grete P i n n e r und Fritz Hammerschlag. L ie wirtschaftlichen und politischen Umwälzungen in Russland und seinen Randstaaten, besonders Polen und dem ehemaligen Galizien, haben für die jüdische Minorität dieser Länder katastrophale Folgen gehabt. Durch den Untergang des Handels, die Bildung eines •polnischen Mittelstandes, durch Boykott und masslose antisemitische Propaganda ist die Lage der jüdischen Massen bis ins tiefste erschüttert worden. Das ökonomische Gesetz, nach dem die Bevölkerungsbewegung vom' 'Punkte des höchsten zum Punkte des geringsten sozialen Druckes verläuft, hat sich mit elementarer Gewalt durchgesetzt und schon jetzt die geschlossenen Grenzen der westlichen Staaten durchlöchert. Aber der eigentliche Strom ostjüdischer Auswanderer harrt noch darauf, dass die Wiederkehr geordneter Zustände den Weg zum Ziel, nämlich Amerika, Palästina und die westeuropäischen Länder, weiter öffnet. Die Wanderungsbewegung der Ostjuden und ein bisher wohl kaum bei irgend einem Volk mit dieser Schnelligkeit beobachteter Prozess der Proletarisierung, der in kurzer Zeit die jüdischen Massen aus einem Volk von Händlern in ein Volk von proletarischen Arbeitern verwandelt hat, sind historische Tatsachen. Zu verhindern sind diese Tendenzen nicht und auch Deutschland, das als Einwanderungsland augenblicklich leider keine Reize hat, hat schon heute eine einigermassen bedeutende ostjüdische Durchwanderung. Der Realpolitiker hat also die Aufgabe, die Gefahren, die mit einem stärkeren ostjüdischen Zuzug unstreitig verknüpft sind, auf das geringste Mass herabzusetzen und sogar die starken Kräfte, die im jüdischen Proletariat enthalten sind, fruchtbar zu machen. Das Prinzip unnachsichtiger Ausweisungen ist nur für kurzsichtige Menschen diskutierbar. Selbst wenn man geneigt ist, Ostjuden erbarmungslos in unerträgliche ökonomische Bedingungen, in die Arme polnischer Pogromhelden und unbarmherziger Justiz — denn viele sind militärpflichtig — zurückzujagen, muss man aus der Erfahrung lernen, dass massenhafte Ausweisungen zwar die Zahl der Einwanderer vermindern, die Gefahren der Einwanderung aber nur vermehren können. Die eigentliche Gefahr liegt nämlich nicht in der für ein Millionenvolk wie das deutsche völlig verschwindenden Zahl der Einwanderer, sondern in ihrer Existenzlosigkeit. Nur wenn jüdische Einwanderer, in Massen 5n der Grosstadt zusammengedrängt, auf illegale Weise ihr Leben fristen, bilden sie eine Gefahr. Durch Ausweisungen würde man die

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