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Neue jüdische Monatshefte · 1920-03-10 · Heft 11-12 (10.3.1920) · p. Seite 247

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 11-12 (10.3.1920)
Article
Aussenpolitik und Ostjudenfrage
Date
1920-03-10
Page
Seite 247 (sequence 4)
Language
German
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247 heute in der deutschen Politik diese Propaganda nachwirkt — das ist ihre allerdümmste. Denn fest steht doch eines: jeder politischen, Regung, der das ehemalige Deutsche Reich irgendwie Aas Wirkung lieh, gründlich zu misstrauen, sollte der Anfang einer StaatsJcunst derjenigen Parteien sein, die es heute übernommen haben, den rekonvaleszenten Körper der Republik zu tragen und fcu stützen!; sie sollte sich davor hüten, diese alten, verseuchenden Mittel: Sachunkenntnis grössten Stils und Feldwebelpfoten weiter arbeiten zu lassen. In dem Augenblick aber, wt> man die Dinge studiert, ehe man sie regelt, mlusste man doch! den Versuch einer umfassenden und -objektiven Ueberlegung machen, deren Resultat, summarisch formuliert, auf folgende Sätze hinauslaufen musste, als deren Sprecher man sich irgend einen chrUüichen Politiker denken möge. 4. „Meine Herren, ich habe nur materalistisch zu Ihnen zu reden Die deutsche Wirtschaft wird früher als Sie meinen mit dem Osten wieder in Austausch kommen müssen. Es wird von hinreichender Bedeutung sein, in den östlichen Ländern Kontrahenten zu finden, die mit uns arbeiten wollen. Wollen: auf den Willen kommt es an; erregt man durch seine pure politische Zugehörigkeit Antipathie, so ist an Beziehungen nicht zu denken. Ich denke, dass der Krieg, in dessen Schatten alle heutigen Ereignisse sich vollziehen, uns die unvergleichliche Wichtigkeit der Sympathie gelehrt haben wird und der augenblickliche Zustand wird die uns noch besser begreifen lehren. Die Syfmpathie der östlichen Gebiete gehörte vor dem Friedenssdiluss der Entente; jetzt stehen die Chancen nicht mehr ganz so ungleich, aber an sich unscheinbare Entschlüsse, etwa solche, die sich auf die in Deutschland labenden Ostjuden beziehen, können uns jetzt empfindlich und a,uf. langehin schaden. Es steht zu erwarten, dass die endgültige Regelung der palästinisch-zionistischen Pläne Englands die ostjüdische Auswanderung nach' dem neuen jüdisch-arabischen Gemeinwesen lenken wird und was die ostjüdisch radikalen Sozialisten anlangt,, so bekenne ich, dass man mir wenigstens mit jdeni Bolsdhewistenalp keine Bange machen kann, denn ich' weiss, dass der deutsche Arbeiter von Methode Demokrat ist, auch wenn er das Rätesystem als seinen Parlamentarismus anstreben sollte. Was aber die wirtschaftliche Unmoral angeht, die man den Ostjuden nachsagt, so weiss ich1, idass man uns Deutschen einen schlechten Dienst tut, ^venn man dadurch unsere Äugen von der eigenen Brcsthaftigkeit fortlodken möchte; und das will man damit ganz olfenbar, denn" — mit erhobener Stimme —- „man verhindert uns dadurch, selber wieder zu gesunden; man möchte uns einlullen und uns die beschämende Tatsache vergessen machen, die bei uns während dem Kriege offenkundig wurde und die der Dichter und Psychologe Heinrich Mann in seinem Buche „Macht und Mensch" sehr prägnant formuliert wie folgt: „Auf Frechheit der neuen Reichen die prassen im Angesicht der bleichenden Not, antwortet von unten der Diebstahl und erhebt sich zum anerkannten Volksbrauch." Nur indem wir uns die eigene Krankheit eingestehen, vermögen wir ihlr beizuikomrnen und nicht, indem wir andere Gesamtheiten als ihre Träger denunzieren; das ist unpatriotisch im echten Sinne des Wortes und unmoralisch ausser^ dem. Den wenigen Ostjuden, denen wir Schiebertum und Diebstahl an

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