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Neue jüdische Monatshefte · 1920-03-10 · Heft 11-12 (10.3.1920) · p. Seite 246

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 11-12 (10.3.1920)
Article
Aussenpolitik und Ostjudenfrage
Date
1920-03-10
Page
Seite 246 (sequence 3)
Language
German
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246 3. Hat man den begeisterten und leidenschaftlich frohen Empfang schon vergessen, den die ostjüdischen Städte und Städtchen den deutschen Eroberern im Jahre 1914 und 1915 bereiteten? Er galt nicht den „Befreiern von russischem Joch", sondern der deutschen Kultur. Die zarische Politik der Büiowschen Aera hatte nicht vermocht, dem ostjüdischen Volke die Gleichsetzung: Deutscher Geist gleich Schillers Geist, auszutreiben. Mit der erschütternden und erhabenen Unverdorbenheit, mit der diese Menschenart die Führerschaft des Dichters in seinem Sprachbezirk — die Repräsentation des deutschen Volkes durch1 seine klassischen Dichter — anschaut mit der strengen und gesidherten Tradition, mit der sie Anschauungen über Generationen hin vererbt, mi[t der tiefen dankbaren Treue, die sie mit allem verbindet, was an Güte und Gerechtig*- keit zu ihr hinüber scholl: in diesqr Haltung empfing der ostjüdisdhe Geist den deutschen Geist — empfing in Gestalt des .Weltkriegssoldaten das repräsentative deutsche Jahrhundert von ,;Lessing bis Nietzsche". Niemals sind besetzte Gebiete argloser und vertrauender einem Besetzer entgegen gekommen: vertrauend in seine sanitären Massnahmen, seine Rechtspflege, seine Umgangszivilisation, seine wirtschaftlichen Anordnungen, sein Verständnis für Fremdes, seine- Achtung davor. Niemals 'war /die Gelegenheit besser, durch ein Quentchen Menschlichkeit und Menschenkenntnis die Brücke, die durch die sprachliche Verwandtschaft des Neuhochdeutschen und des Jüdischen in der mündlichen Verständigung geschlagen war, ins Seelische zu verlegen, Moralische Eroberungen — hier waren sie nicht zu machen, nur zu sehen, nur zu wollen. Ich kenne viele nichtjüdisclie Soldaten, Männer aller Bildungsstufen, vom Leutnant bis hinauf zum bejahrten Landsturmmann, die mir dies alles bezeugen werden, die im Umgang mit den Ostjuden wieder das Staunen vor demi Menschen gelernt haben, das sie im Graben und in der Feuerzone vorher zu verlernen Gelegenheit hatten. Und nun ermesse man, was geschehen musste, um: diese Bevölkerung innerhalb dreier Wochen zu ernüchtern, zu enttäuschen, zu verstören und bis zur Resignation durch alle Stadien der Empörung zu jagen. Trotz des redlichen Versuches der Verwaltung, die Bevölkerung zu gewinnen und zu behandeln, trotz einer gewissen Anzajhl wohlwollen*- der und einsichtiger Funktionäre ging durch die Ausführung aller Massnahmen im besetzten Gebiet ein so stupider und brutaler" Antisemitismus, dass selbst Exzellenzen bekennen mussten: „Gegen den Feldwebel bin ich machtlos und gegen den Leutnant auch". Dieser Antisemitismus, man höre zu, der es den einzelnen Deutschen unmöglich machte, die Tatsachen um ihn herum auch nur zu sehen, ohne sie sofort, schon im Aufnehmen, gehässig zu entstellen und mauschelnd zu verdrehen, war die Folge einer jahrzehntelangen Propaganda, die die Ost juden verleumdete und die deutschen Juden meinte — einer Propaganda für Grenzscbluss und Ausweisungen, für Ausnahmegesetze und Schikanen, für Verachtung und Misshandlung, einer Propaganda, die von flegelhafter, tückischer und feiger Dummheit platzte. Dass in der Angst um ihre angezweifelte „völkische Gesinnung" auch deutsch-jüdische Bürger dieser Propaganda erlagen, ist ihre schmachvollste Folge; dass aber nodh

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