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Neue jüdische Monatshefte · 1920-03-10 · Heft 11-12 (10.3.1920) · p. Seite 243

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 11-12 (10.3.1920)
Article
Razzia!
Date
1920-03-10
Page
Seite 243 (sequence 6)
Language
German
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243 in der Ostjudenfrage aus letzten Endes persönlichen Gründen eine Politik' betreiben, [die allen Grundsätzen wahrer Demokratie ins Gesicht schlägt. Wir wollen völlig schweigen von der Ungcheuerlidhlkeit, dass sidh' Jfuden dazu hergeben, Massnahmen ihren moralischen Beistand zu leihen, die andere Juden ins grösste Elend stürzen können1, Wir wollen niur fragen, ob es denn wenigstens politisch klug istj so zu verfahren. Ob denn die Aussicht besteht, <lurch diese Preisgab moralischer und jüdischer Bedenken zu <lem gewünschten Erfolge zu gelangen? Wir -behaupten das Gegenteil: nicht nur, dass dieser Erfolg* völlig; ausbleibt, sein Gegenteil wird dadurch gefördert. Die Preisgabe der Ostjuden ist kein geeignetes Mittel, um den Antisemitismus abzuschwächen, sondern sie steigert ihn a u s s e r o r d e n 11 d c(h. Die Politik dieser Leute geht von dem Gedanken aus, dass man in den Augen der Umwelt eine mög^lcdh'st scharfe Unterscheidung machen müsse zwischen „anständigen" und „unanständigen*' Juden. Das ist am . bequemsten zu erreichen, wenn man aHe deutschen Juden als anständig, alle Ostjuden aber als unanständig etiqnettiert. In Berlin herrscht eine überaus starke antisemitische Strömung, die irgendwie und irgendwann einmal zur Entladung drängt. Wtas liegt da näher, als dass diese Juden genau dieselbe Politik verfolgen, wie der Polizeipräsident Ernst: einen Blitzableiter zu schaffen, ian dem die Entladung ohne Folge für die Gefährdeten stattfände. Man glaubt, wenn man die Ostjurfen dem Antisemitismus preisgibt, werde er die deutschen Juden verschonen. Bisher hat die Erfahrung genau das Gegenteil gelehrt. Selbstverständlich nimmt der Antisemitismus auch jede Gelegenheit wahr, um gegen die Ostjuden zu wüten. Aber das kann Einsichtige doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass der antisemitische Kampf in Wirklichkeit den deutschen Juden, ihrer wirtschaftlichen, 'politischen und kulturellen Position gilt, und dass keine noch so grosse Ostjuden hetze in der Lage sein} wird, die antisemitischen Kampfenergien von den Westjuden abzulenken. Eine solche Politik wird nie zur Ablenkung, sondern immer nur zur Verstärfcung des Antisemitismus führen. Je mehr die deutschen Juden die zuwandernden Osijuden preisgeben, je lauter sie mitschreien in dem Schinähchor, der sich gegen si<e erhoben hat, umso schneller lind gründlicher Wird das geschehen, was sie damit verhindern wollen: dass man sie m' r t diesen O s t j u d e n restlos identifiziert!- Dem Antisemitismus gegenüber ist überhaupt jede Politik, die darauf Jhinausf&uft, „Anstoss zu vermeiden", völlig verfehlt. Ihm gegenüber gibt es nur eine Politik: die jüdische Position in Deutschland mit allen [Mitteln zu verstärken. Die deutschen Juden wissen sehr genau, dass seit langer Zeit ihre jüdische Existenz ausschliesslich von der ostjüdischen Zuwanderung abhängt. Und es gibt auch genügend! liberale jüdische Politiker, die einsehen, wie eng der Bestand des deutschem Judentums an das hinreichende Zuströmen aus dem Osten als an eine Grundbedingung geknüpft ist. Nun wünscht niemand von uns eine Regeneration des deutschen Judentums durch Schieber und andere un-

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