Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 11-12 (10.3.1920)
- Article
- Razzia!
- Date
- 1920-03-10
- Page
- Seite 244 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2908689-2908753-2908760-2912729--3169-2912774- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
244 saubere Elemente. Aber unglaublich verblendet ist eine Politik, bei der Juden Beifall klatschen, wenn man tausende von Ostjuden, die unter dem> Druck der härtesten Not nach Deutschland kommen, als Schieber, Hehler Bolschewisten usw. anprangert. Denn nie wird man verhindern können, dass man sie mit jenen identifiziert. In den Augen der anderen sind Ost- und: Westjuden aus demselben Holz geschnitzt: sind diese „unerwünschte"" Elemente, so sind es jene nicht minder. Das mögend i e deutschen Juden in Zukunft bedenken, die sich diesmal dazu hergegeben haben, den politischen Venschleierungsmanövern des Herrn Ernst ihre moralische Unterstützung zu leihen, Aussenpolitik und Ostjudenfrage Von Arnold Zweig. 1. Am 17. August 1898 berichtet der alte Fontane in einem Briefe, aus Karlsbad beiläufig, von einer Bemerkung Professor Lassons, der ihm „mal zwischen Berlin und Steglitz sagte: ,ein wirkliches Interesse für deutsche Literatur hat nur die Karl-Emii-Franzos-Gegend.' Ach, er hatte recht," setzt der Dichter der fritzisdhen Helden und markischen Ede[- leute hinzu; und als ich vor kurzem im Dezemberheft der „Neuen Rundschau" diese Stelle las, fielen mir rasch hintereinander .die «zwei kleinen Fakta ein, (Tie ich, der Leser suche sich den Zusammenhang, hierher zu setzen gelaunt bin. Einer der begabtesten Dichter neuhebräischer Prosa erzählte mir einmal, bis zu seinem 12. Jahre habe er in seinem gaTizüsehen Städtchen geglaubt, es werde auf der ganzen Erde nur deutsch geschrieben — gesprochen wurden allerhand Sprachen, geschrieben und gedruckt aber werde von Nichtjuden nur deutsch, und es bereitete ihm keine geringe Erschütterung, als er erfuhr, es gebe einen jüdischen Schriftsteller, namens Z a n g w i 11, der schreibe englisch. Dies das eine Geschichtchen. Das andere spielte in einer süddeutschen Universität. Dort fragte ich einen jungen ostjüdischen Studenten, ob er wisse, dass auf einem Friedhof der Stadt sidh das Grab Hölderlins befinden müsse und ob er mit mir komlmen wolle, es aufzusuchen; der Friedhof sei verwildert und das Grab nicht gekennzeichnet und ungepflegt. Der junge Mann aber meinte, es sei jetzt leicht 'zu finden, zwei seiner Freunde, die ich wohl kannte, arme Galizier gleich ihm, hätten es vom Wächter des Friedhofs sich zeigen lassen und unter Aufwendung einigen Geldes! dafür gesorgt, dass es in Stand gebracht und gehalten werde, wie es' dent tragischen Genius angemessen sei, der darin ruhe. Als ich ihn nach den Beiden fragte, lächelte er ein bischen und meinte, sie seien, als vom nächsten Semester an ausgewiesen, bereits abgereist. Da nun das wohlerhaltene Geburtshaus Hölderlins, den wir für den einzigen, Goethe ebenbürtigen deutschen Genius halten, in diesem Jahre von seinem Besitzer, einem schwäbischen Weingärtner, praktischerweise abgebrochen worden war, um einer Kelter Platz zu machen, freute sich mein sent?-