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Neue jüdische Monatshefte · 1920-03-10 · Heft 11-12 (10.3.1920) · p. Seite 242

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 11-12 (10.3.1920)
Article
Razzia!
Date
1920-03-10
Page
Seite 242 (sequence 5)
Language
German
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242 Die Sache hat aber auch noch eine andere Seite, die für unsere Betrachtung als noch weit wichtiger erscheint, das ist die Stellungnahme der deutschen Juden zu dem Berliner Skandal. Hier sei zunächst das geradezu schmähliche Verhalten festgenagelt, das bei dieser Gelegenheit wieder einmal grosse Teile des sogenannten „jüdischen Liberalismus" — d. h. der im deutschen Liberalismus führenden Juden — dabei an den Tag gelegt haben. Die erste Leitung, welche der Menschenjagd des Herrn Ernst in hellem Jubel applaudierte, war das „«Berliner Tageblatt". Und bis heute ist uns ausser der „Vossischen Zeitung", kJie einen tapferen 'Artikel von Herbert Euienberg brachte, nicht ein einziges Organ der sogenannten „jüdischen" Presse zu Gesicht gekommen, das sich auch nur im geringsten der Verfolgten angenommen hätte. Die „jüdische Solidarität", die in der Theorie des Antisemitismus eine so ausschlaggebende Rolle spielt, hat Wiederein mal da versagt, wo sie allen Grund gehabt hätte, sich zu bewähren. Die Tatsache, dass die behördliche Verfügung gegen die Ostju<den nicht nur unter Stillschweigen, sondern sogar unter ausdrücklicher Bilh> gung gewisser einflussreicher jüdischer Kreise geschehen ist, verdient einmal in all ihrer Erbärmlichkefit hei! beleuchtet au werden'./ Man weisse, dass seit längerer Zeit von jüdischer liberaler Seite eine 'heftige unterirdische 'Fehde gegen den 'Minister Heine geführt wird, der gewiss kein •Phüosemit ist,' der aber stets seine Politik nach, sachlichen Notwendig^ keiten und nicht nach demagogischen Prinzipien aufgebaut hat, Deil Er> lass, den dieser Minister vor einiger Zeit in dor Ostjudenfrage gegeben hat, bietet unter weitgehendster Wahrhng (wirklich berechtigter deutschet Interessen die Möglichkeit einer vernünftigen Ostjudenpolitik, die ebenso sehr vom menschlichen wie vom politischen Standpunkt aus gebilligt werden kann. So hat er dem Jüdischen Arbeiterfürsorge-Amt in Berlin Vollmachten gegeben, die ihm gestatten, Ausweise auszustellen, die von den Behörden respektiert werden müssen. Er hat ferner diejWege zur Ueberführung der Ostjuden in die deutsche Volkswirtschaft geöffnet.*) Der jüdische Liberalismus sieht darin einen Anreiz Zu immer stärkerer Einwanderung, eine Gefahr für Idie Position der deutschen Juden und versucht daher mit allen Mitteln, (diese zü hintertreiben. Es las st .sich1 nachweisen, dass in verschiedenen Fällen, wo die Behörden an sich zu einer milderen Au ffassung der Dinge gekommen sind, gerade diese Scharfmacher von jüdischer Seite her es durchsetzten, dass die schärfere Tonart ia n g e s c h 1 a g e n wurde. Es soll nicht davon gesprochen werden, welch moralischer Abgrund sich hier auftut. Es möge auch Sache der liberalen Partei sein, sich mit der Tatsache abzufinden, dass eine Anzahl ihrer Mitglieder und Führet •) Wir verweisen auf den Beitrag über das Jüdische Arbeitsamt, der ausführlich den Beweis erbringt, dass die Ostjuden arbeiten wollen, und produktive Arbeit jeder Art leisten, sobald man ihnen nur die Möglichkeit hierzu gibt. Bisher ist die Tätigkeit des Arbeitsamtes trotz des ministeriellen Erlasses insbesondere von den Komunalbehörden in geradezu unerhörter Weise sabotiert worden.

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