Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1920-03-10 · Heft 11-12 (10.3.1920) · p. Seite 240

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 11-12 (10.3.1920)
Article
Razzia!
Date
1920-03-10
Page
Seite 240 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2908689-2908753-2908760-2912729--3165-2912770
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

240 man Razzias nach Ostjuden, die aus Deutschland herauswollten. Damals . . J Aber lassen wir einmal alles Moralische beiseite, weil sichs seit langem nidit mehr von selbst versteht. — Naive Gemüter meinen,, die Regierung .brauche doch nur die Grenze zu sperren, um) ttte ostjüdisdic; Zuwanderung auf das Minimum herabzusetzen. Aber die Grenzsperre ist in der Theorie leichter als in der Pjqaxis;. Jedenfalls ist die Regierung heute nicht in der Lage, erfolgreich jener Korruption zu wehren, «die auch in den engmaschigsten Grenzkordon immer wieder Löcher reisst, durch welche ebensogut deutsdhes Staats- und Heeresgut den Weg nadi Polen, wie mancher Ostjude den Weg nach Berlin findet. Wir wissen, dass diese Korruption es ist, welche den zuwandernden Ostjuden zum ersten Mal Gelegenheit gibt, nein, sie direkt dazu zwingt, die deutschen Gesetze zu umgehen. Es liegt auf der Hand, dass eine Grenzsperre, die nicht durch eine sehr weitgehende Korruption der sperrenden Behörden durchlöchert ist, durchaus in der Lage sein anusste, den Strom der Zuwandernden zu verringern. Wenn es heute nötig scheint, statt der Sperrmassnahmen an der Grenze Razzias in Berlin zu veranstalten, so liegt darin das weitgehendste Geständnis dessen, dass man gezwungen ist, die Schäden der Korruption in den eigenen Reihen nachträglich' wieder auszugleichen, Ob es unter diesen Umständen politisch ist, den nadh Berlin gewanderten Ostjuden in Bausch und Bogen Sdiiebertum und Hehlerei nachzusagen, darf bezweifelt werden. Wer im Glashaus sitzt, soll bekanntlich nicht mit Steinen werfen. Es kann ohne weiteres zugegeben werden, dass die Ostjuden z. T. Geschäfte machen, die im Widersprudv zum Buchstaben des Gesetzes stehen. Aber muss man wirklich hinzufügen, dass für ganz Deutschland das Gesetz zu einem sehr erheblichen Teil nur nodh aus Buchstaben besteht, und dass die Ostjuden zunädhst einmal nidits anderes tun, als was fast jeder deutsche Jude, jeder deutsche Christ, jeder Ausländer in Deutschland seit Jahr und Tag zu tun gewohnt ist? Denn was kann man der weitaus überwiegenden Mehrzahl dieser Leute denn vorwerfen? Der Schleichhandel mit Lebensmitteln, durch den sie angeblich die Ernährung Berlins schädigen sollen, ist eine so allgemeine Erscheinung und eine, wir möchten sagen, zwangsläufige Folge der deutschen Kriegswirtschaft, dass es wirklich lächerlich ist, mit diesem Argument die Bevölkerung gegen die Grenadierstrasse aufputschen zu wollen. Ganz abgesehen davon, dass die Tätigkeit dieser Elemente zweifellos in weit höherem Masse die Wirkung hat, Lebensmittel nach Berlin zu bringen, als sie der Stadt zu entziehen. Genau so demagogisch ist der Vorwurf, diese Ostjuden nähmen den Berlinern die Wohnungen weg. Herr Ernst selbst widerlegt es am besten, indem er behauptet, die Ostjuden wohnten so eng beieinander, dass Seuchengefahr entstände. In der Tat braucht man nur einen Blick in die Massenquartiere der Grenadierstrasse getan zu haben, um zu wissen, dass hier zweifellos keine Wohnräume dem allgemeinen Bedürfnis entzogen worden sind. Wer auch nur ein einziges Mal das zweifelhafte Vergnügen gehabt hat, in jetziger Zeit nach einer Wohnung suchen zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.