Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 11-12 (10.3.1920)
- Article
- Razzia!
- Date
- 1920-03-10
- Page
- Seite 239 (sequence 2)
- Language
- German
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239 dort, wie sehr die zuwandernden Ostjuden zum Krebsschaden am deutschen Volkskörper geworden seien. Sie, deren Zahl mit etwa 100 000 angegeben wird — eine unerhört tendenziöse Uebertreibung —, seien gekommen, „um die deutschen Gesetze zu umgehen und das deutsche Nationalvermögen zu schädigen". Sie seien Schieber, aber auch Bolschewisten, hassen jede ehrliche Arbeit und haben den Schleichhandel' und Sdhilimmeres auf ihren Schild erhoben, nehmen den Berlinern die Wohnungen weg, hausen aber so dicht aufeinander, dass Seuchengefahr besteht. Ihre Ueberführung in Konzentrationsilager sei daher unbedingt geboten, sonst könne er, der Herr Polizeipräsident, nicht dafür stehen, dass die sich ausbreitende antisemitische Bewegung . . Ein deutlicher Wink an gewisse jüdische Kreise, ein Wink, der verstanden worden ist Man gestatte uns, die wir die nicht sehr komplizierte Psychologie des Herrn Ernst zu verstehen glauben, es mit aller Deutlichkeit auszusprechen, dass wir in allem, was er gegen die Ostjuden teils mit dem Säbel, teils mit der Feder unternimmt, ein wenig sauberes politisches Manöver erblicken. Ein Manöver freilich, dessen Strategie nicht von Herrn Ernst stammt. Dem mag es sehr angenehm gewesen sein, seine Hundertschaften da Lorbeeren pflücken zu lassen, wo sie wohlfeil sind wie Brombeeren. Im übrigen aber ist er nur das Werkzeug- (anderer. Solcher, die heute wieder nach der uralten GebrauchsanWeisung für politische Blitzableiter die überstark geladene Atmosphäre an einer Stelle zur Entladung zwingen wollen, die für sie ungefährlich ist. Solcher, die nach bewährtem Muster sich einen Sündenbock suchen. Solcher, die sich daran erinnern, dass in Russland die Juden diese Rolle lange Zeit mit bestem Erfolg gespielt haben, vsid die wissen, dass das russische Rezept schon damals aus Berlin stammte. Und denen es nichts, aber auch schon garnichts ausmacht, diese russischen Manieren als funkelnagelneuen Brauch in das politische Leben einer sozialistischen Republik zu übernehmen. Wir möchten diese Leute darauf aufmerksam machen, dass sie ein gefährliches Spiel treiben. Denn wenn sie uns zwingen, das Problem „Ostjuden in Deutschland" in aller Oeffentlidhkeit zu diskutieren, so wird es sich schnell zu einem Skandal auswadisen, der selbst in dieser an Skandalen so reichen Zeit Aufsehen erregen wird. Für heute mag es genügen, in kurzen Umrissen die wichtigsten Seiten dieses Problems zu zeigen. Da ist zunächst einmal die Tatsache der ostjüdisdhen Zuwanderung an sich. Sie braucht in ihren Ursachen nicht erklärt zu werden. Nur muss immer wieder mit Nachdruck darauf hingewiesen werden, dass einmal die Deutschen sich in Polen als die „Befreier" der Juden aufgespielt haben, was die Polen jetzt blutig an den „Proteges" rächen. Wenn aber die Ostjuden gut genug waren, als die Statisten in dieser Befreiungskomödie zwangsweise mitzuwirken, so haben sie heute doch wohl einen gewissen Anspruch auf ein Asyl in Deutschland, wenn die Polen sie gleichsam mit der Hetzpeitsche zu ihren „Kriegsfreunden" jagen. Und dann vergesse man doch nicht, dass während des Krieges garnicht genug ostjüdische Arbeiter für die deutsche Kriegsindustrie tatig sein konnten, wenn nicht freiwillig, dann gezwungen. Damals veranstaltete