Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 11-12 (10.3.1920)
- Article
- Razzia!
- Date
- 1920-03-10
- Page
- Seite 238 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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238 Razzia! Von C. £ Klötzel. TT | n Berlin hat skrh bereite zweimal in kurzer Aufeinanderfolge folgendes zugetragen: Einige Hundertschaften der „grünen" Sicherheitswehr werden auf Lastautos verladen, ein Major übernimmt die Führung dieses Expeditionskorps und lässt seine Kolonne auf grossen und klug gewählten Umwegen in die Gegend des altberliner Ghettos fahren. Pünktlich, wie irrt Feld der Sturmangriff, setzt die Aktion ein. In der gleichen Minute sind1 alle Zugänge zur Grenadier-, Dragoner- und Scfrendelstrassc abgesperrt. Was sich innerhalb dieser Strassen -aufhält, sitzt in der Falle. Wie auf dem Exerzierplatz schwärmen die Sicherheitsm annschaften aus, und während Suchpatrouillen in die Häuser eindringen, in den Wohnungen nach Schiebern und Schiebergut suchen, drängen die Schützenlinien den bösen Feind durch ein Spalier in den nahegelegenen Hof der Al'exanderkaserne. Dort ist Leibesvisitation, Prüfung der Papiere, Konfiskation. Einige werden in Haft behalten, die meisten müssen wieder entlassen wenden. Der Sieg ist gross: 500 Sicherheitswehrleute mit Karabiner und Seitengewehr haben 700 Juden zu Gefangenen gemacht. Die Beute ist gering: ein BaFfen Schiebergarn, ein Einbrecherbesteck. Die Wirkung ist entsprechend: die Abendblätter bringen in Fettdruck den „Angriff auf die Grenadierstrasse", die Behörde darf sich im Glanz ihrer Tatkraft sonnen, die 'Sicherheitswehr hat ihre Daseinsberechtigung glänzend bewiesen. Das Vaterland ist gerettet. Fragen stellt niemand, auch sofehe nichrt, die auf der Hand hegen. Z. B. wie es möglich ist, dass am hellichten Tage 700 Menschen von der Strasse weg verhaftet werden können, sich Leibesvisitation gefallen lassen müssen, um schliesslich mit verschwindenden Ausnahmen wieder entlassen zu werden, weil nichts gegen sie vorliegt. Oder mjFt Welchem Recht man strassenweise in alle Wohnungen dringt, von Kriminalbeamten angeleitet Haussuchungen vornimmt, tausend anständige Menschen durch solchen Ueberfall ängstigt, um schliesslich1 fünf zu finden, . die keinen polizeilichen Meldeschein besitzen. Nacto all diesen Dingen fragt man nicht, denn man weiss die Antwort im voraus-. Sie heisst: ^Ausnahmezustand!'* Nur einer stellt Fragen: der Polizei-Präsident von Berlin. Die Berliner Polizeipräsidenten haben von jeher schriftstellerischen Ehrgeiz besessen. Aber welch ein Unterschied zwischen dem lapidaren, al'tpreussischen Stil des Mannes, der einst Neugierige warnte, und dem des sozialistischen Herrn Ernst, der seine Machtbefugnis' zu einer Brutalität und seine Schreibgewandtheit zu einer schwungvollen und detaillierten Verunglimpfung der Ostjuden benutzt. Herr Ernst also fragt seinen Vorgesetzten, den preussischen Minister des Innern Heine, wie lange der „Ausländerskandal" noch dauern softe? Dies ist der Sinn der Eingabe, die gleichzeitig der Presse zur Verfügung gesteilt wurde, Herr Ernst, der in diesem amtlichen Schriftstück geradezu poetisch wird, schildert