Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 9-10 (10.2.1920)
- Article
- Vom werdenden Palästina
- Date
- 1920-02-10
- Page
- Seite 220 (sequence 3)
- Language
- German
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220 -schaftlicher Linie. Erst empfingen uns die Jemeniten, dann eine Arbeitersiedlung, und schliesslich die aristokratische Gesellschaft der Kolonie serbst. — Wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass der Gebrauch!der, iHebräi-' sehen als eines Mittels zur Verständigung — gerehrt von Leuten, die unbedingt mehr deshalb gewählt sind, weil sie hebräisch sprechen, als weil sie ^ute Lehrer waren — für die natürliche Entwicklung des judischen Geistes ein Hemmnis bedeutet. Die Entwicklung wird hintangehalien durch1 die' Tatsache, dass die Schüler unter Bedingungen erlogen werden, die sie ■von vielen der stärksten Einflüsse und Genüsse der Kultur ausschliesscn. In Tel-Awiw wächst eine Generation heran, die ich mit einem Ausdruck", den Matthew Arnold auf die höhere englische Jugend in Eaton und 'Oxford angewendet hat, „junge Barbaren" nennen möchte. Es ist ein wirkliches Vergnügen, sie zu sehen und sie in Gedanken mit jüdischen Kindern zu vergleichen, die in den Winkelgassen von Europa und Amerika aufwachsen; aber geistig schienen sie mir unentwickelt. Das sind natürlich für Jun^e Juden ganz abnorme Verhältnisse, und 'ich glaube nicht, dass sie ihnen im ganzen zuträglich sind. Die meisten Juden lesen gern, lieben es, in die Welt des Gedankens und der Schönheit durch Bücher und Berührung .mit andern Kulturen einzudringen. Es mag ja kein besonderer Nachteil dabei sein, wenn wir einmal eine Generation weniger belesener und spekulativen Argumenten weniger hingegebener jüdischer Knaben und "Mädchen härten, als seit Hunderten von Jahren; aber durch diese Art'von Erziehung werden die Knaben und Mädchen nicht instand gesetzt werden, die schöpferische Arbeit zu leisten, die wir vom jüdischen Volk erwarten. — Ich habe gesagt, es sei kein besonderer Nachteil, wenn einmal eine Generation unter dem Durchschnittsniveau bliebe; aber bei genauerem Nachdenken .glaube ich, es ist doch einer. Denn durch die Isolierung der palästinensischen Judenheit und der Knaben und Mädchen, die in Tel-Awiw und andersSVo aufwachsen, entsteht eine falsche Wertskala und ein ungesundes Streben nach europäischen akademischen Lorbeeren. Sie bewirkt unter ihnen eine Art von Drang nach Europa. In etwas! konventioneilen akademischen Begriffen erzogen, den palästinensischen Bedingungen, wie mir scheint, nichft; angepasst, kommen sie mit ihrer Bestimmung als Bürger und Erbauer eines jüdischen Palästina nicht so bewusst vor, als ich sie erwartet habe. Das Gymnasium in Jaffa gleicht meinem- Dafürhalten nach mehr der hebräischen Abart einer europäischen Institution als einer wirklichen Erziehungs- und Pflegestätte für die kommende Generation von Palästinensern. Jch sage das in aller Zurückhaltung und bin mir vollkommen der ausserordentlichen Schwierigkeiten bewusst, denen sich' die Schule gegenüber fand. Aber solcher Art war der Eindruck, den ich mit fortnahrn. — Die endgültige Lösung des jüdisch-palästinensischen Problems kann nicht einfach in der Ausbreitung des Hebräischen gefunden werden. Das Gefühl der Hingebung an Palästina und der Bereitschaft, um Palästinas willen Pionierarbeit 'zu tun, ist das weit wichtigere. Das echteste jüdische Leben haben wir nicht in Tel-Awiw oder in den Städten gefunden, sondern in den Kolonien, In den Kolonien begegnet man Männern, von denen man auf den ersten Blick sa^t: da ist ein Jude, der in seinem Landef und für ves lebt, es liebt und sich eins mit ihm fühlt. Das! ist der Geist' und die