Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 9-10 (10.2.1920)
- Article
- Anitta Müller
- Date
- 1920-02-10
- Page
- Seite 207 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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207 tutionen für Kinderfürsorge zugunsten der vielen elenden jüdischen Kinder Wiens erhalten geblieben und werden von der mütterlichen Begründerin stetig1 weiter ausgebaut. Man müsste gesehen haben, wie die bleichen, kranken, "halbverhungerten Kinder in der Kinderkolonie, im Garten, in der Liegehalle aufleben und helle Augen bekommen, wie die armen Wöchnerinnen glücklich über die Sorgfalt, die ihren Säugling betreut, ihre wenigen sorgenfreien Ruhetage gemessen, man müsste Anitta Müller inmitten der jubelnden, lachenden Kinderschar, die sie in die Ferien führte, gesehen haben, um ermessen zu können, welchen Segen diese Frau ständig um sich her ausstreut. Ihr grosses Werk der letzten Monate war die Organisierung der vom Jüdischen Nationalrat beschlossenen Aktion „Jüdische Kinder in die Schweiz". Sie selbst hat nach langer mühevoller Vorarbeit 753 Kinder hingebracht, selbst alle Unterkunftsorte, inspiziert, sie selbst wieder heimgeholt und alsbald einen zweiten Transport dem ersten nachgesandt-. Ihre zweit«*. 'Aktion galt der Unterbringung schwächlicher Kinder in Holland. Im Laufe von zirka si-eben Monaten sind durch diese Aktion zirka 2500 jüdische KindQT in das Ausland gebracht worden und durch die treue und hervorragend gute Pflege dem Leben und der Gesundheit wiedergegeben worden. Für die spätere Zukunft sind bedeutende Vergrösserungen alter Kinderfürsorge-Institutionen geplant. Bei alldem ist das Rührendste nicht so sehr die rastlose Arbeitskraft und die jederzeit rasche Initiative von Anitta Müller, sondern ihr inneres Miterleben jeder Aktion, ihre Erregung bei der Aufzahlung statistischer Feststellungen über das unsägliche Elend halbverkommener Kinder, das tief wurzelnde und immer zu neuer Hilfeleistung drängende Bewusstsein von ihrer Pflicht, sich all der Kinder anzunehmen, soweit dies überhaupt in Menschenkräften steht. Für jedes Kind fühlt sie selbst sich gewissermassen verantwortlich. * # * Man würde'der Grösse dieser Frau nicht gerecht werden, wollte man an ihrer Persönlichkeit ausserhalb ihrer „Sozialen Hilfsgemeinschaft'' vorübergehen. Anitta Müller ist der Typus der mütterlichen Frau. So einfach und schlicht wie ihre jugendliche Erscheinung mit dem gütigen Antlitz ist ihr ganzes Wesen, ist ihr Sprechen und Schreiben. Kein pompöses Sich-in-Szene-setzen, kein hoher Kothurn, von dem herab man Wohltaten spendet — nichts von alldem: sie lebt mit ihren Schützlingen und ist ihre Schwester und ihre Mutter. Dass sie auch eine eigene Häuslichkeit, ein sehr glückliches Familienleben, einen verständnisvollen, selbstlosen Gatten und ein reizendes Kind besitzt, davon wissen ihre Mitarbeiter und Schützlinge kaum, da ihre ganze Zeit ihrem Hilfswerk gehört. Als ich sie in ihrem Heim aufsuchte und an der Tür nicht ihren eigenen, sondern ihres Mannes Namen fand, da kam es mir zum ersten Mal zum Bewusstsein, dass Anitta Müller ein Privatleben habe, und hier zu Hause erkannte ich erst ganz, wie ehrlich und ohne Aufputz und Phrase, wie einheitlich und geschlossen