Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 9-10 (10.2.1920)
- Article
- Anitta Müller
- Date
- 1920-02-10
- Page
- Seite 205 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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205 drei Millionen bilanzieren würden. Sie dachte überhaupt nicht so weit voraus; sie griff nur mit beiden Händen hinein in die Berge von Unglück, und was sie erfasste, das wurde wieder gesund und glaubte, an ein froheres Leben. Sie sah vor den Schaltern der städtischen Hilfsorganisationen Tausende von Menschen angestellt, die Stunden um Stunden auf die klägliche Summe warteten, mit der sie, ohne Hilfe in der fremden grossen Stadt, kaum das trockene Brot beschaffen konnten, und eine Hand presste ihr Herz zusammen, als sie darunter unzählige schwangere Frauen fand, die vor Entkräftung zu Boden sanken. Diesen Elendesten galt ihre erste Hilfe; sie schuf die Wöchnerinnen-Fürsorge und bald darauf in systematischem Aufhau das Mütterheim, die Säug-lings-Fürsorge, einen Kinderhort, die Suppen- und Tee-Küchen im Hauptquartier der Flüchtlinge, in der Leopoldstadt, die Arbeitsschule für Mädchen und Frauen, und eine Kinderheilstätte. Das IBewundernswerteste an dieser jungen, verwöhnten Frau ist neben ihrer unendlichen Güte und ihrer geduldigen Freundlichkeit insbesondere ihre fast beispiellose Arbeitskraft und ihr grosses organisatorisches Talent. Sie verstand es, gleich im Anfang opfermutige, tatkräftige Helferinnen zu finden, mit denen sie in unermüdlicher Tätigkeit Stein unt Stein zu ihrem Hilfswerk schichtete. Sie selbst suchte die Räume aus, die sie brauchte, sie kaufte die Einrichtungsgegenstände dafür ein, sie selbst brachte die Mittel auf, um die Arbeit beginnen und sichern zu können; und bis heute geschieht in den weitläufigen Räumen ihrer Bureaus, in den Sälen ihrer Heime, Horte und Schulen nichts, wovon sie nicht ganz genau unterrichtet wäre. Eine musterhafte Ordnung und modernster Betrieb herrscht in allen Anstalten der .Frau Anitta Müller, und der damalige Minister des Inneren Freiherr von Heinold nannte bereits im Der-ember 1914 den Kinderhort „Praterspatzen", eine der Müllerschen Institutionen, „einen Lichtpunkt in der Fluchtlingsfürsorge". Nach diesem Vorbild liess der Minister einen staatlichen Kinderhort für 1000 Kinder errichten, dessen Leitung Frau -Anitta Mülfer übertragen wurde. In jedem Saal der •Heime aber, in jedem Zimmer der Arbeitsschule, in jedem Garten der Kinderkolonien spürt man den Geist der Liebe und weiblichen Fürsorge, der durch sie und ihre prachtvollen Helferinnen so vielen Menschen Linderung brachte. Es ist in diesem beschränkten Raum nicht möglich, über das Werden und Wachsen aller dieser Einrichtungen so ausführlich zu berichten, wie «s wohl am Platze wäre. Einige Zahlen sollen als kurze Erläuterung dienen. Seit 1. September 1914 wurden geschaffen: Ausgabe-Etat des K Jahres : Wöchnerinnen-Fürsorge Kinderhort Suppen- und Tee-Anstalt Säuglingsfürsorge Mütterheim Arbeitsschule Kinderheilstätte ' 67 300 Kr. 15 500 „ 110100 „ 18 800 „ 14 700 18 600 „