Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 9-10 (10.2.1920)
- Article
- Anitta Müller
- Date
- 1920-02-10
- Page
- Seite 204 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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204 wusste noch nichts von dem speziell jüdischen Elend, so wie sie vor einigen Jahren nichts von der Ankunft der zweitausend brotlosen galizischen Schanker gewusst hatte* die ihr Unglück vor das Parlament hintrugen. Nur unter den Helferinnen, die sich bei Kriegsausbruch dem Bezirksamt zur Verfügung gestellt hatten, fand sich eine Frau, die sofort erkannte, dass unter allen Elenden des Krieges der Jude der Elendeste sein musste, weil er überall der Fremde, der unerwünschte Eindringling war, A n i 11 a Müller, die bisher, in wohlhabendem, westjüdischem Hause aufgewachsen, nie eine Judennot gekannt hatte, der nie ein Gedanke ,an eine tiefere Zusammengehörigkeit mit den Juden jeder Art gekommen war, sah ein armseliges Häuflein elender, schmutziger Kinder, vergrämter, hohläugiger Frauen, hilfloser bärtiger Männer von einem Magistratsdiener hin und her gestossen: „Saujuden, elende Bagage", und sah hoffnungslose Ergebung in aller Augen, Hilflosigkeit in allen Mienen, In diesem Augenblick keimte in dem Herzen der kaum vierundzwanzigjährigen blonden Frau die tiefe Liebe zu ihrem Volk, das plötzliche Bewusstsein unlöslicher Zusammengehörigkeit, das so wundervolle Früchte werktätiger Hilfe tragen sollte. Mehr als vier Jahre später, im Januar 1919, als ich sie zum ersten Male in einem von Tausenden von Menschen, überfüllten Saale sprechen hörte, sagte sie über diese erste Zeit ihrer Hilfstätigkeit in ihrer einfachen schlichten Art: „Was ich jenen Unglücklichen verdanke, die ich damals'hilflos im Hofe des Magistratsamtes traf, das ist mehr, als sie mir jemals danken können: durch sie habe ich den Weg zu meinem Volke gefunden." Es muss einiges über das Wesen von Anitta Müller gesagt werden, ehe von .ijhren herrlichen Institutionen, ihren grossen schönen Erfolgen, ihrer ganzen unermüdlichen Tätigkeit berichtet werden kann. Denn „nicht was wir tun, sondern wie wir es tun," — das ist das Wesentliche, das Entscheidende. Das grosse Elend erweckte in der ganzen Welt eine grosse Hilfstätigkeit; unzählige Frauen traten in die Reihen der Helfer, das Rote Kreuz, alle Frauenvereine arbeiteten, in tausend Komitees vurden Beschlüsse gefasst, tausend Namen edler Spender wurden gedruckt, tausend Kinderhorte, Abendheime wurden geschaffen. Viel tätige Liebe war dabei und viel Aufopferung, aber auch viel Haschen nach Titeln, nach Anerkennung, viel Lärm um Geld und viel Loskauf von eigener innerer Beteiligung. Aber selten wird man ein so grosses umfangreiches Werk finden, das so gradlinig und harmonisch entstand und ausgebaut wurde nach einer Richtschnur: mit Liebe und Verständnis und mit dem Verantwortlichkeitsgefühl des schöpferischen, tätigen Menschen gegenüber der Umwelt, bis an die Grenzen des Möglichen zu helfen für den Augenblick und auch für eine spätere Zukunft. Als -Anitta Müller sich entschloss, ganz allein, ohne Komiteebeschlüsse und Gemeindesubventionen, nur auf ihre eigene Schaffenskraft und die materielle und tätige Hilfe einiger Freunde bauend, die notwendigsten Hilfsstellen für die Kriegsflüchtlinge zu schaffen, da ahnte sie nicht, dass eben diese Stellen in drei, vier Jahren mit einem Jahresbudget von