Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 9-10 (10.2.1920)
- Article
- Anitta Müller
- Date
- 1920-02-10
- Page
- Seite 203 (sequence 1)
- Language
- German
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203 Anitta Müller Von Nanny Margu'Jies-Atierbach, Wien, er Name dieser Frau ist in Deutschland wenig" bekannt. Aber in Wien jgibt es keinen Juden und wenige andere Hilfsbedürftige, die nicht von ihr wissen, und wenn man in den jüdischen Bezirken der Leopoldstadt und der Brigittcnau irgendein jüdisches Kind oder eine verhärmte Frau oder einen gebückten bärtigen Kaftanjuden nach ihr fragt, dann wird er das Haus in der Praterstrasse, am Eingange des Wiener Ghetto, genau bezeichnen können, und seine Lippen oder seine Augen werden sprechen: „Anitta Müller — Gott segne sie!" Das fürchterliche Elend, das der Krieg auch weit ab von den Schlachtfeldern gleich den Wogen eines flutenden Meeres über Städte und Länder hinwälzte, es Iiess im Herzen Oesterreichs, in dem heiteren lebensfrohen Wien einen Niederschlag zurück, wie man ihn in Deutschland auch in den schwer heinigesuchten Städten Ostpreussens nicht sah. Die vielen Tausende und Hunderttausende aus dem besetzten und dem evakuierten Galizien strömten, zum Teil ohne jegliche Existenzmittel nach dein geschützten Westen, nach einer Stadt, die wenigstens soviel Pflastersteine hatte, dass man sein Bündel und seinen müden gejagten Leib darauf niederlassen konnte. Und fast alle Unglücklichen, die bis nach Wien gekommen waren, fanden hier nicht viel mehr als, dieses kahle Pflaster von Höfen und Plätzen, auf denen sie von der völlig überraschten, kopflos dem Ansturm gegenüberstehenden Polizei zusammengepfercht wurden. Es konnten in der kurzen Zeit von Tagen, die seit der Russeninvasion vergangen waren, überhaupt keine Vorbereitungen getroffen werden; niemand wusste, was mit diesen unzähligen, so herzzerreißend elenden Menschen geschehen, wo man sie unterbringen, wie man sie verköstigen, wie versorgen sollte. Und der weitaus grösste Teil der Unseligen gehörte zu allem noch dem Volke an, das seit Luegers Zeiten in Wien als Paria gehasst und beiseite geschoben wurde. War der Wiener bisher gern still, wenn er schon nicht laut räsonnierte, an dem Elend der Leopoldstadt vorbeigeschritten, froh, wenn es sich ihm nicht gar zu störend in den Weg warf, so erkatninte er hier doch sofort, dass ein Ausweichen vor dieser Anhäufung von Unglück unmöglich war, und das „goldene" Wiener Herz empörte sich bei dem Gedanken, an Juden Barmherzigkeit üben zu sollen, jüdisches Elend zu lindern, und sei es auch von seinen eigenen Machthabern verschuldet. So kam es, dass diejenigen Hilflosen, die sich instinktiv in den zweiten, den jüdischen Bezirk geflüchtet hatten, von den Beamten des Magistrats nicht gerade sanft und liebreich aufgenommen wurden. Es war zum Teil nicht einmal Bosheit oder Unfreundlichkeit, die ihnen jo rauh und barsch auf ihre tausend Fragen erwiderte — aber schon die Verständigung war sehr schwer, da kaum einer der Flüchtlinge das Wiener Deutsch verstand. Die jüdische Kultusgemeinde aber, deren selbstverständlichste Pflicht es in diesem furchtbaren Augenblick gewesen wäre, alle verfügbaren Mittet und Kräfte, alle Räume und alle Beamten den verzweifelten Brüdern zur Hilfe entgegenzubringen, verhielt sich noch passiv,