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Neue jüdische Monatshefte · 1920-02-10 · Heft 9-10 (10.2.1920) · p. Seite 195

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 9-10 (10.2.1920)
Article
Die Nemesis des deutschen Antisemitismus
Date
1920-02-10
Page
Seite 195 (sequence 7)
Language
German
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195 armung der Juden, die erwerbslos wurden. Die Polen identifizierten die Juden mit den Deutschen, für die sie politisch und kulturell durchs Feuer gingen — und die Deutschen warfen sie als' Prügelknaben hin. Der moderne Antisemitismus ist ein Berliner Gewächs und sein letzter Höhepunkt, den die Ritualmordhetze in Könitz darstellte, und zeigte, wie vollkommen wehrlos die Juden zwischen den t'anatisierten zwei Völkern standen, ist bis zum Siedepunkt von Berlin aus geschürt 'worden. Notariell haben antisemitische Berliner Zeittingen ihre Agenten in die polnische Gegend geschickt und die Progromstimmungen künstlich erzeugt. Kein Königswort der Anerkennung für die Nibelungentreue der Ostjuden ist jemals (gefallen, kein Vertreter der Grenzgebiete hat jemals für die Notlage dieser Juden, die Bernhard als eine reine Pro- Ietarisicrung bezeichnet, eine Hand gerührt, in keine Verwaltung konnten Männer kommen, welche der jüdischen Frage Sympathien entgegeu- . brachten, ja der ganze Beamtenapparat in einer Provinz, die stellenweise heben Polen nur jüdische Deutsche zählte, war grundsätzlich judenrein und judenfeindlich. Gewiss, auch die Juden' trifft eine Schuld. Sie nahmen ihre Angelegenheit nicht selbst in die Hand. Sie wanderten aus. Sie gingen nach Amerika, nach England und Südafrika. Sombart zitiert hier: Unter den ärmeren jüdischen Familien Posens' fand sich im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts nur selten eine, die nicht einen ihrer Söhne und zwar gewöhnlich den tüchtigsten und anschlägigsten der Enge und dem Drucke der Heimat über den Ozean hatten entweichen sehen (Sombart, Die Juden und das Wirtschaftsleben. S. 47). Der General AAonash, der Kommandeur der Australier im Weltkrieg, ist ein Nachkomme eines posenschen Juden. In Deutschland macht man heute bei der Reichswehr kaum einen Juden zum Hauptmann. Bekannte amerikanische Politiker, Finanzmänner und Philanthropen stammen direkt oder indirekt aus der Ostmark. Der 'Hauptslrom aber ergoss1 sich in das nahe gelegene Berlin. Die Landsmannschaften nicht nur aus* den berühmten 7 Städten Posens sind hier in;Massen, alle Gemeinden der -Ostmark haben sich hier aufgetan. Gewiss der Kampf ums tägliche Brot ist vielen nicht leichter geworden, aber der tägliche Antisemitismus, die Politik der Nadelstiche und der plumpen Gemeinheiten berührt hier das Einzclindividium viel weniger. Volksbewegungen haben immer ökonomische und psychische Voraussetzungen, vor allem ökonomische. Dass der Geburtenüberschtiss z. T. abwandert ist dort verständlich, wo ein Land sich nicht entwickelt, dass aber über Nacht Jahrhunderte alte, ehrwürdige Gemeinden aufgelöst wurden, ist nicht nur aus* der Vorliebe des Juden für die Grossstadt, ihre Genüsse und ihre Bildungsmöglichkeiten allein erklärlich, wobei auf den Fehler zu verweisen ist, der in der Vernachlässigung der Bildungsstätten des Ostens lag. Posen ist bekanntlich erst jetzt eine Universitätsstadt unter polnischer Herrschaft geworden. Der kulturbedürftige Jude wurde im Osten nicht befriedigt

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