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Neue jüdische Monatshefte · 1920-02-10 · Heft 9-10 (10.2.1920) · p. Seite 194

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 9-10 (10.2.1920)
Article
Die Nemesis des deutschen Antisemitismus
Date
1920-02-10
Page
Seite 194 (sequence 6)
Language
German
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194 Wären die Juden nicht aus der Ostmark vertrieben worden, dann wäre der nidrtpolnische Charakter ein noch! viel deutlicherer. Denn die städtische und kleinstädtische Bevölkerung vertritt nach aussen die Kultur •einer Gegend. Ohne Frage zieht es den Juden in die Grossstadt, nach Berlin. Auch in Süddeutschland finden starke Verschiebungen der Juden statt, die zu einer Auflösung der Landgemeinden führen. In der Ostmark handelt es sich aber um Kleinstädte, die Jahrhunderte alte Gemeinden hatten, um Judensiedelungen mit 1000 Seelen, die plötzlich von der jBildfläche verschwinden wie Zulz, Schwerin, Meseritz und die andren, die heute keinen Juden mehr zählen. Deutschland, das einen Reptilienfonds1 zur Stärkung des Deutschtums im Osten schuf, hat inicht nur nichts im Osten zur Erhaltung der Juden j^etan, sondern ihre Ausräucherung begünstigt. Ich bin mit meiner Anschauung in guter Gesellschaft. Soweit ich die Literatur übersehe, herrscht hier Einstimmigkeit aller Autoren. Kassel, Breslau er, Auerbach habe ich in meinem „Untergang der deutschen Juden" ausführlich zitiert, ebenso einige andere Schriftsteller, von denen (Bernhard am eingehendsten klarlegt, wie der Handelsboykolt der Polen und die Ausschliessung durch deutsche Genossenschaften usw., die Juden in eine prekäre wirtschaftliche Lage brachte. Bernhard findet natürlich nicht die kräftigen Worte, welche die Dinge beim rechten Namen ihennen. Die preussis'che Bürokratie hat mit ihren säbelrasselnden Ha'katisten die Polen aufgerüttelt und ihren Nationalstolz gestärkt; die vom Reich auf Kosten aller mit den Ostmarkenzul'agen ausgestatteten Beamten herrschten im Osten wie in Feindesland und betrachtetem die Juden ebenso wie die Polen als eine minderwertige Gesellschaft. Der Geist ivon ,Sol! und .Haben' und nicht die Ideenwelt Nathans triumphierte. Gesellschaftlich führten keine Brücken zum Juden, wirtschaftlich liaben die Deutschen den Juden, wo sie nur konnten, ausgeschaltet. Dabei hat das Reich viel für die Ostmark unternommen. Millionen wurden für evangelische ^Bauernsiedelungen ausgegeben; der reiche oder verarmte christliehe Grundbesitzer wurde gestützt und die ganze Zollpolitik auf das Wohlergehen von zehnhöchstens zwanzigtausend ostelbischen Junkern zugestutzt, die wiederum mur polnische Arbeiter hatten. Unterricht und Schulwerk stand im Banne des evangelischen Bekenntnisses. Handwerk, Ackerbau, Handel und Industrie wurden gefördert. Aber die Eigenarten des jüdischen " Handwerkers und des jüdischen Bauern fand keinerlei Unterstützung. Und gerade er hätte der Hilfe und der liebevollen Beeinflussung bedurft. Es1 gab keinerlei Vorkehrung, die starken ^Ansätze der gesunden sozialen Berufstätigkeit unter den Juden zu stützen, wenn wir von einigen Bestrebungen zu Anfang des1 19. Jahrhunderts und von einigen unbedeutenden jüdischen Organisationen absehen. Es War so leicht das Handwerk unter den Juden zu fördern, wenn 'man nur wollte, Es gab genug Meister in jedem Fach. Eine Regierung aber, die grundsätzlich keine Aufträge an Juden gab, Behörden, die die Juden nur schikanierten, Gutsbesitzer, Beamte und Lehrer, welche die Träger des Antisemitismus waren, verursachten die Ver-

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