Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 7-8 (10.1.1920)
- Article
- Zur Frage der Westjuden
- Date
- 1920-01-10
- Page
- Seite 166 (sequence 2)
- Language
- German
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166 trotz aller jüdischen Vaterlandsliebe und Opferwillig'keit immer gewachsene und jetzt sich in widerwärtigster Weise austobende Judenhass, den Dichter so mutlos gemacht habe. Hier wäre es in der Tat berechtigt, von einer schweren Enttäuschung aller derer zu reden, die mit N a u m a n n glaubten, der Schützengraben habe den Antisemitismus überwunden. .'Aber nein, das ist es nicht. Hermanns Enttäuschung hat andere Ursachen. Der tiefe Gegensatz zwischen Macht und Recht, zwischen Militarismus und Imperialismus auf der einen Seite, und ewigem Menschentum auf der andern Seite, tut sich vor ihm auf, und nun findet er, dass die Deutschen sich als „schlechte Siegelbewahrer des Menschentums" bewährt hätten. Wenn heutzutage die „Gedanken des Menschentums" noch Vertreter fänden, so seien dies vorzugsweise Juden. Der Deutsche denke „Gegenwart", der Jude „Zukunft". Hermann ist objektiv genug, zuzugeben, dass auch die anderen Völker sich vielleicht nicht besser bewährt hätten, als die Deutschen. Dann sei eben der Gegensatz: Westjuden und Europäer. Aber der Wesensunterschied an sich* steht für ihn unurnstösslicli fest. Und daher glaubt er nur das-auszusprechen, was heutzutage alle deutschen Juden empfinden müssten. Denn da der ursächliche Faktor, nämlich die Wesensverschiedenheit, überall gegeben sei, so müsse sich in der gleichen Lage auch das gleiche Endresultat ergeben. Mit der Sicherheit einer mathematischen Gleichung. ,Wie nun, wenn sich erweisen liesse, dass tatsächlich die meisten deutschen Juden, auch die geistig hochstehenden, nicht zum Bewusstseiu ihrer Fremdheit gelangt sind? Wenn sie die Enttäuschungen Hermanns nicht teilen? Stürzt dann nicht schon das ganze mathematisch begründete Gedankengebäude Hermanns zusammen? Und in der Tat, der Beweis ist gar nicht schwer zu fühfren. Seit dem Zusammenbruch Deutschlands haben viele tausende von deutschen Juden, davon viele an 'hervorragenden Stellen, es öffentlich bekundet, dass sie ihr Vaterland jetzt in seiner Not noch weit inniger lieben als vorher, ja, dass sie sich jeb't eigentlich erst so recht bewusst geworden sind, wie sehr sie ihr Vaterland lieben. Und "Niemand darf zu bezweifeln wagen, dass diese Bekenntnisse ebenso tief gefühlt und aufrichtig sind, wie das Hermanns. Aber es bliebe vielleicht noch der Einwand, dass solche Zeugnisse nur subjektive, wandelbare Empfindungen wiedergeben und daher trügerisch sind, und deshalb ist es geboten, zu prüfen, was Hermann objektiv für seine Auffassung geltend macht. Da muss nun von vornherein gesagt werden, dass es bei ihm um das Objektive überhaupt schlimm bestellt ist. Fast alle seine Behauptungen beginnen mit „Vielleicht4', „ich habe das Gefühl", „ich habe gefunden", „es schien mir", usw. Von wissenschaftlicher Methode ist bei allern nichts zu spüren, überall setzt er das, was er beweisen wilf, schon als gegeben voraus. Die 'hochherzige Gesinnung eines Ballin, James Simon, Schiff in allen Ehren — aber wenn nun gerade ihnen im Gegensatz zu allen arideren „zukunftsdenkendes Menschentum" zugeschrieben wird, so verhüllt doch die natlonalökonomische Wissenschaft ihr Haupt. Wenn Hermann sich schon bis zu Jakob Schiff in Amerika bemühte, so härte er gewiss