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Neue jüdische Monatshefte · 1920-01-10 · Heft 7-8 (10.1.1920) · p. Seite 165

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 7-8 (10.1.1920)
Article
Zur Frage der Westjuden
Date
1920-01-10
Page
Seite 165 (sequence 1)
Language
German
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165 Zur Frage der Westjuden Von Dr. Katzenstein, Bielefeld.*) itten während der Wirren des Weltkrieges, als mancher wohl an der europäischen Kultur irre werden konnte, gab uns Hermann Cohen sein Buch über „Deutschtum und Judenrum". Mit tiefgründiger Gelehrsamkeit, aber auch mit leuchtendem Optimismus verfocht er darin die These von der inneren Gleichheit des deutschen und des jüdischen Wesens. Er wies nach, wie sich diese Wesensgleich - heit auf allen Gebieten deutscher Kultur offenbart habe, wie insbesondere die beiden grossen Besitztümer der jüdischen Seele, der Sozialismus und der Alessianismus, auch die tiefsten deutschen Ideale darstellen. Und es ist auch kein Zweifel, dass kaum je eine Volksart für das Judentum in seiner Geschichte von so überragendem Einfluss geworden ist, wie die deutsche. Ohne innere Wesensverwandschaft wäre es schwer zu erklären, dass der weitaus grösste Teil der Juden in den verschiedensten Ländern noch bis zum heutigen Tage zäh an einem mittelhochdeutschen Dialekt festhält, und die deutsche Kulturgeschichte seit der Zeit der Klassiker zeigt auf jeder Seite, wie sehr die Werke der deutschen Denker und Dichter, eines Kant, Goethe, Herder, Wagner gerade im jüdischen Gemüt Wurzel gefasst haben. Gewiss ist die Auffassung Cohens sowohl von antisemitischer wie auch von nationaljüdischer Seite heftig bekämpft worden, aber als intuitive Erkenntnis eines Mannes, in dem Deutschtum und Judentum zu inniger Harmonie verschmolzen war, erhält sie bleibende Bedeutung und trägt sie den Stempel der Wahrheit, — Und nun kommt ein anderer, der gleichfalls berufen schien, die Verwandschaft deutscher und jüdischer Art zu künden, ein deutscher Jude im besten Sinne des Wortes zu sein, und legt ein ganz anderes Bekenntnis ab, ein Bekenntnis, dass sowohl in seiner Form, wie in seiner inneren Aufrichtigkeit erschütternd wirkt. Georg Hermann, der Dichter von .Jenchen Gebert", der glänzende deutsche Stilkünstfer, gesteht, dass „seine Seele sich entwurzelt fühle". (Neue Jüdische Monatshefte, 3. Jahrgang, S. 399 ff.) Er, der früher geglaubt habe, in erster Linie Deutscher zu sein, der sich seines Judentums kaum noch bewusst gewesen sei, habe' nun begriffen, dass eine tiefe Kluft, ja ewige Wesensfremdheit, Deutsche und Juden trenne. „Der Jude ist nicht Deutscher, war es nie ganz, auch der am meisten assimilierte nicht. Wie der Mann nicht Frau ist.44' Die letzten fünf Jahre hätten die Wandlung in ihm bewirkt, denn der Krieg und die mit ihm verbundenen Grundanschauungen hätten immer stärker die Wesensfremdheit gezeigt, die uns von ,,jenen" trennen. ,,Wir haben eine grosse Enttäuschung am Deutschen erlebt und wir erleben sie noch heute jede Stunde." Und so hat sich' Hermann, wie er sagt, „rassenmässig44 auf sein Judentum besonnen. Und die Gründe? Kaum einer, der bis hierher gelesen hat, wird wohl etwas anderes vermuten, als dass der schon während des Krieges *) Mit der nachfolgenden Darstellung, in der aucli ein Vertreter der nichtnationalen Judenheit zum Worte kommt, schliessen wir die Diskussion über die Ausführung Georg Hermanns: Zur Frage der West Juden. D. Red.

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