Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 7-8 (10.1.1920)
- Article
- Zur Gesundheitsfrage in Palästina
- Date
- 1920-01-10
- Page
- Seite 162 (sequence 9)
- Language
- German
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162 »o unangenehm bemerkbar macht wie in der Stadt, da die Häuser zum gröbsten Teil in Gärten abseits der allerdings sehr staubigen Kanne lstrasse liegen. Etwas angenehmer trotz höherer Temperaturen ist der Sommer im Jordan tal, da hier die Luft sehr trocken ist. Trockene Hitze wird noch bei ziemlich hohen Graden als mollig und angenehm empfunden, denn der rasch verdunstende Schweiss macht sich nicht durch das lästige 'Ankleben des Hemdes unangenehm bemerkbar, und die Haut wird nicht \vie im feucht warmen Seeklima so stark erweicht und für Furunkel und 'andere Hautinfektionen geeignet. Ich bin oft mittags bei Schattentemperaturen 'von 42 Grad Celsius und mehr ohne unangenehme Empfindungen längere Wege in der Sonne gegangen und auch geritten oder gefahren. Die Leistungsfähigkeit schien mir im Jordantal weniger herabgesetzt als an der Küste. Das Baden im Jordan oder im See Genezareth ist angenehmer und erfrischender als das Baden im Meer. Appetit und Schlaf waren in Tiberias, das wegen seiner Hitze so verrufen ist, (Jahresmittel 24 Grad Celsius wie das von Charttim am oberen Nil), besser als an der Küste. Die nächtliche Abkühlung ist im Jordantal nicht gross; darum und weil die Luft nicht genügend Feuchtigkeit hat. Die Wolkenbildung ist über dem heisseti Jordantal nur gering, so dass die Sommersonnc fast jeden Tag ständig sichtbar ist. Doch verursachen Wind und! verschiedener Feuchtigkeitsgehalt der Luft ziemlich starke Abwechslung im Wetter. Vorbedingung zum Wohlbefinden sind in diesem sehr heissen Landstrich natürlich zweckmässige Ernährung, Kleidung, Wohnung und Lebensweise, Dinge, von denen ich später noch zu sprechen habe. Recht angenehm wird vom Europäer im allgemeinen der Aufenthalt in den Gebirgsorten Galiläas mit zwar heissen Tagen, doch auch kühlen Nächten empfunden. Ich denke hier besonders an Nazareth und Safcd. Allerdings muss man sich gerade im Gebirge mit seinen sehr grossen täglichen Temperaturschwankungen vor Erkältungen der Verdautingsorgane besonders hüten. Deutsche Truppen, die im Sommer und Herbst nach Syrien kamen, hatten in der Anfangszeit aucli im Gebirge schwer unter Darmstörungen scheinbar nicht infektiöser Art zu leiden, die wohl zum grösstenteil auf die sehr starken Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht zurückgeführt werden mussten. Allerdings war die Unterbringung der Truppen in Zelten oft sehr schlecht. Die körpurlichen und geistigen Funktionen sowie die Leistungsfähigkeit des gesunden Europäers sind im Tjebirge völlig normal. Die allgemeine Sauberkeit in Palästina lässt noch sehr zu wünschen übrig. Sie ist einwandfrei in den deutschen Kolonien, leidlich in den jüdischen. Bei den armen Juden des alten Jischuw, bei den ländlichen Arabern kann man meist nicht mehr von Sauberkeit reden; viele von ihnen starren vor Schmutz, und Ungeziefer. Im Kriege hat der Seifenmangel oder besser die Not diese Verhältnisse zum Teil noch verschlimmert. Diu Häuser in Tiberias wimmeln von ekelhaften Ungeziefer aller Art. Gab man den Juden Geld zur Seife, so mussten sich die Armen oft das Stück Brot dafür kaufen, das sie vor dem Verhungern schützte. Gab man ihnen Seife, so tauschten sie sie gegen Brot. Aber es ist nicht nur die Not: