Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 7-8 (10.1.1920)
- Article
- Erinnerung an Wolffsohn
- Date
- 1920-01-10
- Page
- Seite 153 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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153 Herz, sein jüdisches Herz. Er konnte kein Leid sehen, ohne es mitzufühlen, kein Unglück, ohne es lindern zu wollen. ... An seiner Frau hing er in rührender Liebe; sein reines edles Eheleben erinnerte an die häuslichen Idyllen der Patriarchen. . . . Nichts stand ihm so hoch wie die Ehre seines Volkes. Nichts ersehnte er so heiss wie das Glück seines Volkes. An nichts glaubte er so begeistert, so felsenfest, wie an die Zukunft seines Volkes. Dieser Glaube gab ihm einen unerschütterlichen sittlichen Halt, seinem Leben einen über das Einzeldasein weit hinausweisenden Sinn. Dass er so vollständig im Judentum aufgehen konnte, erhob den einfachen Mann hoch über sich selbst, gab seinem Wesen reichste Entfaltung und sichert seinem Namen dauerndes Andenken in seinem Volke." Von seinem Auftreten auf den Kongressen schreibt War bürg: „Auch auf den Kongressen stand Wo! ff söhn seinen Mann, er zeigte sich dort als starke Persönlichkeit, von eisernem Willen, der selbst zahlreiche Gegner nicht fürchtete, und als glänzender Debatter mit ihnen kämpfte, meist mit gutem Erfolge. Jedenfalls hatte er stets den Beifall der Zuhörer auf seiner Seite, welche die Mannhaftigkeit und die Willensstärke in ihm instinktiv erkannten und ihn als wirklichen Führer der Bewegung verehrten. Auch hier zeigte er sich als würdiger Gefolgsmann Her z 1 s. Und ebenso wie jener nach allen Kämpfen -.gern verzieh, so waren auch bei Wolffsohn alle Differenzen schnell vergessen, und beim abendlichen Zusammensein, häufig in seinem überaus gastlichen Hause, freute sich jeder seiner sonnigen Natur und seines herzlichen Geplauders." Wie oft durfte ich diesem Geplauder lauschen, doch mit tiefer Wehmut 'erinnere ich mich eines Tages in Homburg, da der schwerkranke Mann mir (mit traurigem Lächeln die Röntgenaufnahme seines Herzens zeigte, das jsich in unermüdlichem Wirken für unser Volk aufgerieben hatte. An seinem Sarge in Homburg stand Jean Fischer: „Dass Wolffsohn so einsam gestorben, dass er hier so einsam auf dem entlegenen Friedhof-in Homburg im Sarge lag, schnitt mir ins Herz. Und ich begriff, ich fühlte den ganzen Schmerz, der auf diesem unbeweglich toten Antlitz eingemeisselt war: Ein geheimnisvolles starres Fragezeichen. Wo ist sie, die Schar der mich umgebenden Freunde? Welches Schicksal harrt des armen, gehetzten Judenvolkes, für das ich mein Leben lang gearbeitet? Was wird aus ,der Bewegung und ihren Institutionen, was aus dem Ideal, für das ich gelebt und gelitten habe?" Adolf Friedemann widmete Wolffsohn eine Lebensbeschreibung, die an ihrer Spitze in hebräischen Lettern seinen Wahlspruch trägt: „Ein Gott, ein Volk,.ein Land, eine Sprache." Mit den so warm empfundenen Schlussworten dieser Schrift will auch ich meine Worte der Erinnerung schliessen: