Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 7-8 (10.1.1920)
- Article
- Kriegsende
- Date
- 1920-01-10
- Page
- Seite 143 (sequence 3)
- Language
- German
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143 in Erscheinung getreten. Im Gegenteil: was vor dem Kriege vielleicht noch den Anschein einer jüdischen Organisation auf internationaler Grundlage besass, die Alliance Israelite Universelle, hat sich während des Krieges völlig in ein nicht nur nationales, sondern beinahe chauvinistisches französisches Gebilde gewandelt. Internationale Beziehungen hat während des Krieges nur eine jüdische Gruppe unterhalten: der Zionismus. Und tatsächlich ist er allein imstande gewesen, wenn auch nur in beschränktem Masse, Aufgaben internationalen Charakters zu erfüllen. Wem es ein Widerspruch scheint, dass das nationale Judentum internationale Möglichkeiten besitzt, verkennt das Wesen des Internationalismus. Was heisst: „internationale Sozialdemokratie"? Es bedeutet» dass unter allen Völkern Mensehen leben, deren stärkster geistiger Zusammenhang zwischen ihnen und ihren sozialistischen Genossen in den andern Ländern besteht. Nötig ist also das Vorhandensein einer geistigen Einheit bei gleichzeitiger territorialer Zerstreuung: der Fall, für den das Judentum heute noch als Schulbeispiel gelten kann. An sich wäre denkbar, dass die (national bedingle) religiöse Idee des Judentums diese geistige Einheit schüfe; in der Tat ist nur der nationale Gedanke fähig gewesen, ihr Wirkungsmöglichkeit nach aussen zu verleihen. Es braucht nicht hervorgehoben zu werden, welch starkes' Interesse das Judentum daran hat, seine Internationalst zugunsten des pazifistischen Gedankens einzusetzen, sich ihrer bewusst zu diesem Ziele z'u bedienen. Dass aller Krieg immer wieder am schwersten das jüdische Volk in seinem /Bestand bedrohen müsste, dass Schützengräben und (Drahtverhaue, wo immer sie gezogen würden, stets auch die jüdische Welt in „feindliche" Lager teilten, ist schon gesagt worden. Aber auch im sogenannten Frieden, im Zustand der latenten Kriegsbereitschaft, lastet die nationalistische (nicht die nationale!) Denkweise der Völker auf dem Juden. Denn mit Nationalismus, Militarismus und allen sonstigen Voraussetzungen der heutigen Auffassung vom „Frieden" eng verknüpft ist jenes Dogma von der staatlichen und volklichen Souveränität, die sicli nach aussen im Imperialismus, nach innen als nationale und religiöse Intoleranz dokumentiert. Wir brauchen nur an die ,/Friedens"-Taten der Soldateska in Polen, der Ukraina, an den „weissen Terror" in Ungarn zu denken, brauchen uns nur zu vergegenwärtigen, welche Rolle bei der antisemitischen Propaganda in Deutschland Offiziere und Soldaten spielen , um zu wissen, dass der Sieg der Friedensfreunde -unsere vitalsten Interessen berührt. Wir [haben von diesen Dingen in solcher Ausführlichkeit gesprochen, weil wir uns in bezug auf die Hauptsache kurz fassen möchten. Das Amoralische versteht sich immer von selbst: der Jude sollte Pazifist sein vom Mutterleib her! Einmal als Mensch, der einsieht, dass die Austragung von Gegensätzen durch den organisierten Mord menschenurrwürdlg ist, mehr noch als Kind eines Volkes, das die Leiden einer nicht pazifierfcen Welt durch die Jahrhunderte erprobt und erfahren hat. Was also soll geschehen? Einmal: die Juden aller Länder sollen als Einzelindividuen sich als tätige Mitglieder denjenigen Organisationen ansthliessen, die legitime