Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 6 (25.12.1919)
- Article
- Episode
- Date
- 1919-12-25
- Page
- Seite 138 (sequence 3)
- Language
- German
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138 sie Oawrii totschlagen sollten. Die Strassen erhellten sich von Laternen und Licht aus Wohnungen, und binnen kurzem gingen sie inmitten vieler Menschen. Sie drängten sich durch ohne sonderliche Höflichkeit, und als der Vater nicht mehr schnell genug vorwärts kam, schob er den Jungen bei der Achsel in ein hohes Haus. „Wohin", fragte Eli aufgeregt. — „Komm." Sie eilten leise zwei, drei, vier Treppen empor; aus dem Flurfenster, einer kleinen schmutzigen Oeffnung, überschauten sie die nächsten Strassen; denn keines' der Nachbarhäuser mass mehr als drei Stockwerke, Der quadratische Rahmen umschloss ein grelles Bild, vor Entfernung klein, aber erstaunlich scharf gekennzeichnet. Sie sahen Flammen, die aus Fenstern winkten, und üppig qualmenden Rauch, rot angestrahlt; sie sahen Menschen laufen, bewegte Arme, Knäuel und Gruppen von Menschen; sie hörten Gebrüll ,gellende Schreie von hohen Stimmen, einzelne fallende Schüsse, und durch das Knistern und knatternde Fressen der Brunst dumpfe Geräusche poltern, wie von stürzenden Balken und krachend eingerannten Türen. Alles das drängte sich ins Gesicht eines höllischen Augenblicks; denn sogleich riss der Inspektor seinen Sohn rückwärts und donnerte mit ihm tlie Treppen hinunter, wandte sich &tatt zur Haustür in den dunklen Hof, hielt den Stock quer mit den Zähnen und kletterte über die niedere (Mauer auf das anstos'sende Grundstück. Eli warf seinen Knüppel hinüber, schnellte in die Höhe, hielt sich oben an den Fingern hängend, stemmte sich auf, hob die Beine über das' Hindernis und stiess' sich exakt ab, wie sie's im Turnen übten; er fiel fast auf die Hände, \crraffte seinen Stock, und nun liefen sie schallend durch ein Hinterhaus, quer über einen zweiten Hof und dank eines Torwegs gleich auf die Strasse. Sie eilten links an den Häusern entlang, ohne einen Menschen zu treffen, durch zwei, drei winzige Gassen und standen dann auf der Katharinenstrasse, die weiter hinten voll war von Lärm, Helligkeit und Rauch. (Sie hielten einen Augenblick, denn ihrer hämmernden Brust mangelte der Atem; dann gingen sie etwa siebzig Schritt, langsam, ausruhend, den Browning in der Linken, bis zur Metschikoffstrasse, bogen um die Ecke, und dann geschah dieses. Entgegen lief ihnen eine Frau, bekleidet mit einem Unterrock, und über dem Hemd ein braunes Tuch, das die Schultern verbarg, ganz und gar ohne Atem, unfähig zu schreien, und das fleischige Gesicht verzerrt von der Angst des Todes; an der Hand hielt sie ihre junge Tochter, der auch das Tuch fehlte, deren Haar lang herumhing und deren blosse Füsse kaum noch ausschritten, nur nach vorn zu fallen schienen. Ihr Mund stand sehr weit offen* alle Zähne weisend, und die freie Hand ballte sich auf der linken Brust. Drei junge Kerle setzten ihnen nach, und es streckte sich wenig Pflaster mehr zwischen den Frauen und ihnen; in diesem Zwischenraum aber trabte ein kleiner Junge,, der vielleicht neun Jahre alt, und stöhnte, unfähig die Mutter einzuholen, auf grässlich hilflose Weise nach ihr . . . Eli hielt ihn für Gawrils kleinsten Bruder; übrigens' begriff er sofort, dass er sich hatte täuschen lassen. Das Kind stolperte, raffte sich, fiel wieder, und als er noch einmal auf den Füssen stand, lief der erste Verfolger an ihm vorbei; der zweite stiess ihm ein langes, gerades Flcischermesser in den Rücken: „Maa . . schrie es, einen schnell beginnenden, sich Ver-