Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 6 (25.12.1919)
- Article
- Episode
- Date
- 1919-12-25
- Page
- Seite 137 (sequence 2)
- Language
- German
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137 „Vater!" — „Lernst etwas und wirst ein Ingenieur." — „Hör auf, bitte, hör auf", bat der Knabe mit schwankender Stimme, und seine beiden Hände griffen nach dem Arme des Mannes. „Es' ist nur für alle Fälle. Du bist gross genug. Da, nimm das." Er schob ihm eine flache Pistole zu und legte mit ruhiger )Hand Patronen hin. „Sie ist schon geladen. Komm/4' Eli nahm [die Waffe heftig an sich, wenngleich sein Arm zitterte. „Wirds gefährlich, Vater?" Aber der Inspektor schritt schon, durch die Tür, den Browning in der Tasche und in der Hand einen gefahrlichen Stock, aussen von Leder, innen aber von Eisen. Seine Schritte dröhnten auf dem Korridor; der Knabe beeilte sich, seinen Bergstock aus der Ecke zu reissen, einen gelben Eichenknüppel mit metallener Spitze. An der äussersten Tür fand er den Vater wartend, unschlüssig, wie ihm vorkam. „Eigentlich müsste man dich hierlassen. Was sollst du dort . . ." — „Ohne dich? Ich bleibe nicht allein, keinen Augenblick." — „Gehorchst du?" Doch der starke Junge rief: „Ich 'breche die Tür auf und komme'dir nach; wahrhaftig!" Der Inspektor kannte seinen Aeltesten: „... Meinetwegen. . . schliesslich ists am besten;" und er lächelte schwach und Hess den Schlüssel heftig ins Schloss beissen. Sie »polterten die Treppe hinab, durch drei Stockwerke, und eilten über den weiten'Hof der Fabrik. Elis Blut lief schnell und lustvoll: ein Abenteuer, welch ein Abenteuer! Ein Pogrom, heut am Ostersonnabend! Morgen gehen sie dann zur Kirche. Er fürchtete sich gar nicht; seine Finger pressten .beglückt den Kolben der Waffe. Ob er schiessen würde? Ob auch treffen? Sicherlich, wenn es ihn nicht zu sehr aufregte. Er versprachs ich, Gawril Buttermann, dem Rotkopf, dem Steinwerfer, keinesfalls beizuspringen, und er sonnte sich beglückt im Neid der ganzen Klasse und Leos, des Bruders; der drüben geblieben war, wenn er erzählen würde ... Er spannte den Arm (inwendig an und bog ihn, so dass die Muskeln dick heraustraten. (Der Sekundaner, breit und gross, wies unter schwarzeu Haaren ein sehr weisses Gesicht mit rundgebogenen Augenbrauen. Der Pförtner wachte noch, sein Fenster gab ein gelbes Viereck in die Nacht hinaus. Der Inspektor legte ihm die Schlüssel der Wohnung hin und sagte in polnischer Sprache: „Mach' mir das* Tor auf." — „Es ist nicht Igut draussen, Herr," meinte der alte Mann, indem sein Schnurrbart, vom Rauchen gelb, auf und ab stieg. „Schon recht, Alter. Um eins bin ich wieder da, nicht? Und heb mir die Schlüssel gut auf." Das Tor schrie in den Angeln; man hörte hin und wieder schiessen, ganz schwach. Der Vater eilte so, dass Eli fast zurückblieb. Die Strassen lagen schwarz und leer von Menschen: helle Fenster fanden sich nur ganz oben in den Häusern. Die beiden bogen fortgesetzt nach rechts' ab, liefen im Trabe die ganze Petersburger Strasse hinunter, unaufhörlich in Pfützen tretend, quer über den Patjomkinplatz und in die Schlüsselstrasse hinein. Der Lärm nahm zu, man hörte ihn als ein wirres Rauschen. Es begegneten ihnen Leute ,und immer mehr. „Was ist das," fragte der Vater einmal irgendwo im Dunkeln und auf Russisch. „Sie schlagen die gottlosen Juden, Onkelchen, lauf zu." — „Und die Polizei?" — „Wo wird der Soldat faul sein," lachte der Bürger zufrieden und ging seines Wegs. Eli 'nahm sich vor, auf die Soldaten zu schicssen, selbst wenn