Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 6 (25.12.1919)
- Article
- Zwei Bücher der Selbstbesinnung [Rezension]
- Date
- 1919-12-25
- Page
- Seite 135 (sequence 9)
- Language
- German
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135 Auch klarin hat er meines Erachlcns Recht, dass er in der Oesellschaft nicht nur wirtschaftliche, sondern auch sittliche Zielgedaukcn überall am Werke sieht. Die Gerechtigkeit, d. h. das subjektive Gefühl, dass Leistung- und Gegenleistung einander einigermassen enlsprechen, ist der Kitt jeder denkbaren Gruppe, ist das ihnen allen gemeinsame wichtigste „Interesse"; und das spiegelt sich in der „Idee" der Gerechtigkeit, im kategorischen Imperativ, wie sich denn jedes Interesse seine zugehörige Ideologie schafft. Und 'die 'Nutzanwendung? Sie entspricht dem, was ich in den einleitenden Worten sagte, was ich seinerzeit schon bei dem grossen Endkampf zwischen Nationalisten und „Anti-Nationalisten" in Leipzig (1913) ausführte: wir dürfen Volk und Gemeinschaft, d. h. Sekte, nicht vermengen lassen. Sonst ispalten wir dns Volk und unterwerfen diejenigen, die sich nicht zur Wehre setzen, der ,,Diktatur" eines Geistes, der nur tyrannisch sein kann, mag der Geist heissen wie er will. Freie Bahn, jedem Ideal und jeder von einem Ideal oder selbst nur einer Illusion zusammengeführten Gemeinschaft innerhalb der Gesellschaft des Volkes: aber rücksichtsloser Kampf liegen jeden Versuch, ihre Freiheit zu unserem Zwange zu machen. Das gilt Hir den Gallith — und noch viel mehr für Alt-Neuland. Riesengross ist die Aufgabe die dort zu lösen ist, geFhiiich der Hoden: der Aufbau kann nur gelingen, wenn wir das Judentum „saekularisieren", um das weltliche Judenvolk aufzurichten. Besteht es einmal erst in wirtschaftlicher Kraft 111:^1 politischer Sicherheit auf nationalem Boden (im geographischen und im geistigen Sinne), dann mögen alle Idealisten, Ideologen und Illusionäre um seine Seele ringen: aber keiner darf je das Monopol erlangen, um zu befehlen, wo er der Natur der Dinge inach nur werben, überreden, überzeugen soll und kann. Man soll das Büchlein selbst lesen. Es ist' aus einem klaren Geiste, aus einem reinen Herzen und aus dem einzig Guten, das es gibt, aus dem guten Willen geboren sachlich, ehrlich, hingerissen unti selbst den kühler gewordenen Skeptiker auch dort hinreissend, wo er im einzelnen, zuweilen lächelnd, ablehnt oder zweifelt. Ein heroischer Sturm auf lalle Griindproblerne, die doch nur in zähester, geduldigster Minierarbeit wirklich zu erobern sind. Aber doch herzlich erfrischend in seinem Wahrheitsdrang und Wahrheitsmut, in der Unbefangenheit seiner Fragestellungen und der Unbekümmertheit seiner Antworten: ein Atem reinen Bergwindes durch all die Schwüle der Niederungsdünste unserer im Kaffeehaus, im tabakschwelenden Diskussionssaal und bestenfalls am Schreibtisch ausgebrüteten Literatur über das schwierigste aller Probleme! Möchte <Ier Geist der Kritik, der aus diesen beiden Schriften spricht, m die Tiefe und Breite wirken. Ober besser noch: möchte die grosse praktische Aufgabe, die jetzt all unsere Kräfte fordert, all den Dunst und Qualm auslüften! Jetzt gilt es die Tat! Wenn das Volk noch gesund und seinem Werke gewachsen ist, wird es keine Zeit mehr haben für Grübler und Schwätzer, für Seelen-Vivisektoren und Omphaloskopen. Viele Jahrtausende schauen auf unser Geschlecht herab. Männer der Tat, des Schwertes und des Spatens, Männer der Arbeit und der Organisation, Ihr wahren Gläubigen der neuen Zeit, mit dem Glauben an Menschenglück