Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Monatshefte · 1919-12-25 · Heft 6 (25.12.1919) · p. Seite 136

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 6 (25.12.1919)
Article
Zwei Bücher der Selbstbesinnung [Rezension]
Date
1919-12-25
Page
Seite 136 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2908689-2908753-2908757-2912424--2946-2912453
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

136 durch Menschenkraft und -geist: jetzt ist eure Schicksalsstunde gekommen. Die Braven des „Jiskor" haben den Weg gewiesen. „Im Anfang war die Tat", und „nichts ist gewaltiger als der Mensch."-- Schlafzimmers, mit beiden Flügeln offen, an dem die Gardinen ^~tf^ im Nachtwinde baumelten wie Gehenkte, Hess ungehindert das' helle Krachen der Brownings über die Dächer bis zu ihm. Er setzte sich im Bette auf: der Himmel über der Stadt glomm leicht rot, von Brand oder nur von vielen Lichtern, aber höher hinauf arbeiteten sich Scharen von Sternen aus dem endlosen Schwarz; in das weite Schimmern schnitt das Fenster ein hartes Kreuz, mitten durch das vertraute Gebilde des grossen Wagens. Es istgegen elf, dachte der Knabe, als er schräg vor sich das Sternbild erblickte; sie schiessen. . . . Die Tür zum Zimmer des Vaters ward aufgerissen; der Inspektor Saamen machte einen raschen Schritt über die Schwelle: „Aufstehen, Eli", schrie er, und seine Stimme klang wild vor Erregung. „Pogrom?" rief der Sohn, mit beiden Füssen auf den Teppich springend; aber es brauchte keine Antwort. Er zog sich mit eiligen und zitternden Händen an, indes der Vater nebenan bei einem Licht einen Brief siegelte. Noch stand, in der Stellung des entscheidenden Springerzuges, das' Schachbrett vom Abend auf dem Tisch, und die Figuren schwärzten im ,Schcine der Kerze das gemusterte Brett mit kuriosen Streifen von Schatten. Eli bemerkte es, glücklich vor Stolz: der Vater, dieser starke Spieler, hatte vor diesem neuen Zuge überrascht aufgeben müssen. . . , Alsbald verfiel er wieder der Gegenwart; mit Genugtuung bemerkte er, indem er hastig an den Stiefeln schnürte, dass es seinen Feinden jetzt schlimm &ehe, den Judenjungen, die ihn von hinten mit Erde bewarfen und ihm nachschrien, dass er den Sahbath schände und Unreines ässe; und er fand, ihnen geschehe recht, da sie viele waren und ihn dennoch nie von vorn anfielen. „Nun? Fertig? Noch nicht?4' Der Inspektor, die Pelzmütze schon auf dem Kopfe tragend, ragte schwer in den Rahmen der Tür, mit hohen Stiefeln und seiner grossen grünen Joppe. Er bliess ungeduldig in den dicken Schwarzbart: „Hast du Furcht?1' Plötzlich — ,er hatte bisher nichts derart gedacht, — fiel Eli ein, dass auch er ers'chlagen werden könnte, denn die Banden wussten ja nicht, dass Vater und er mit den andern in Feindschaft lebten; doch vergass er es sofort. „Aber nein", empörte er sich, „da bin ich. Wollen wir hin?" Der Vater schloss* schon den Brief in seinen Schreibtisch: „Man muss sehen . . . man muss (dort helfen . . ." Dann wandte er dem Sohne das Gesicht wieder voll zu und prüfte den Sechzehnjährigen mit Blicken wie ein eben abgeliefertes Werkstück; nein, er hatte keine Furcht. „Höre, Eli, kann sein, dass' wir dort . . . dass ich auch . . . also verstehe: wenn ich morgen nicht mehr da bin . . — Vater!44 schrie er, Nnd seine Augen wurden schwarze Löcher. Alles kann kommen. Dann, höre, fährst du sofort nach Deutschland zurück, sofort ..,"—■ Episode Von Arnold Zweig knallten und erweckten Eli Saamen. Das Fenster seines

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.