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Neue jüdische Monatshefte · 1919-12-25 · Heft 6 (25.12.1919) · p. Seite 134

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 6 (25.12.1919)
Article
Zwei Bücher der Selbstbesinnung [Rezension]
Date
1919-12-25
Page
Seite 134 (sequence 8)
Language
German
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134 Mairgulies holt weit zum entscheidenden Schlage aus*. Die vorliegende Schrift soll den theoretischen Unterbau für eine doppelte Darstellung des Zionismus liefern, „einmal als der nationalen Bewegung des weltlichen jüdischen Volkes' ,und zum anderen als einer geistigen Strömung, einer Gemeinschaftsbewegung/' Ein vierter Teil will das In« haltliche dieser Gemeinschaft, das Judentum selbst, beschreiben. (S. 25). Dieser erste Teil, der theoretische, fährt das schwerste Geschütz auf. Er will kaum weniger geben als eine Grundlegung der Soziologie überhaupt. Die Kapitelüberschriften sprechen von starken Ansprüchen an sich selbst, klingen fast überheblich: „Theorie der menschlichen Kräfte"; „Theorie der Geschichte"; — „Theorie des sozialen Lebens"; „Theorie der Nation", das alles auf knapp 100 Druckseiten! Aber es ist nicht überheblich: ein freier und klarer Kopf sucht in heis'sem Eifer für seine grosse Lebenssache den Ausweg aus seinem Labyrinth, sucht den Faden zu erlangen, den nur Wissenschaft geben kann, sucht ganz sachlich, ohne jeden Gedanken an steh selbst, ohne Eitelkeit — und zeigt einen merkwürdig sichern Instinkt für die echten Dinge, die echten Denk'er. Es ist manches soziologisch Erhebliche in der kleinen, von verhaltener Leidenschaft vibrierende Schrift. Unmöglich, im «Rahmen einer Anzeige ein Bild auch nur des allgemeinen Gedankenganges der Arbeit zu geben, die so viel Gedanken enthält, dass sie die Form zu sprengen drohen. Ganz und gar unmöglich, sie kritisch und antikriüs'ch — denn sie ist selbst vielfach kritisch — zw würdigen. Man müsste ein Buch schreiben wenigstens doppelt so stark als das vorliegende, um säuberlich den gährenden Most von dem schon reifen Wein zu scheiden. Margul ies legt seine Fundamente, wie die meisten Anfänger, viel zu tief und zu breit für das, was sie tragen sollen. Man kann das, worauf es ihm ankommt, viel einfacher begründen; was er skizziert, ist das Fundament nicht für die Revision einer Zeitbewegung, sondern die Grundlegung für ein mehrbändiges System der Soziologie und Sozialphilosophie. In den Hauptgedanken wird man ihm zustimmen können. Es ist zu scheiden zwischen dem Volk, das eine Gesellschaft ist, und der „Gemeinschaft", die immer aus „Heiligen" besteh!. . . Dort sind wir im Reiche des Zwanges; denn in eine Volksgesellschaft wird man hineingeboren und kann sich ihr überhaupt nicht entziehen, ohne in eine andere Zwangsgescllschaft einzutreten. Kann nicht! Denn nur in ihr kann der Mensch seine Bedürfnisse befriedigen. Die Gemeinschaft aber ist das Reich der Freiheit; der Mensch wählt sich die Genossen seiner Ziele und Ideale aus freier Wahl und kann sie wechseln. Auch darin sieht M. richtig, dass wenigstens die Begründer und Führer solcher Gemeinschaft aus einem Kräfteüberschuss heraus handeln, aus dem, was ich als „positiven Trieb" bezeichnet habe im Gegensatz zu dem „negativen4' Triebe, der ein Defizit decken, einen Mangel beheben will. Schade, dass Margul ies, der so weit Umschau hält, nicht auch die phychologische Grundlegung 'meiner „Theorie" gelesen hat: er hätte-dort finden können, dass auch ich das Reich der Freiheit und des Zwanges aus den beiden Triebformen ableite.

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