Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 6 (25.12.1919)
- Article
- Zwei Bücher der Selbstbesinnung [Rezension]
- Date
- 1919-12-25
- Page
- Seite 132 (sequence 6)
- Language
- German
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132 »das sie zusammenhielt; da die [Orthodoxie passiv blieb, kojnnte dieser provisorische Inhalt nicht religiös, er musste politisch sein: eine Massenaktion gegen den westlichen „Kultur-Antisemitismus" und die russische Pogrom-Barbarei. „Er nahm den Charakter des Rassegefühls an". (Seite 61). Mit anderen Worten, er entstand, wie Ref. einmal sagte, durch „Imitation par Opposition" (Tarde) als das Negativ des Antisemitismus und kleidete sicli als solches in die vorliegende Form des in Oesterreich im Schwange gehenden Nationalitätenkampfes — und diese Bewegung musste aus den anfangs dargelegten Gründen um so mehr um sich' greifen, wie das ursprüngliche und eigentliche Ziel des Zionismus: Jüdisc'h-Palästina, im Nebel versank, — und wie das politisch rückständige und durch sein Milieu überreizte und verwirrte (>S. 63) Ostjudentum die Westeuropäer zu überwiegen begann. Aus diesen Widersprüchen und Unklarheiten müssen wir heraus. „Massengefühle sind keine Erkenntnisquelle" (S. 66). Wir müssen eine neue Form der Organisation der in der Diaspora verbleibenden Judenheit finden, die sie bindet, ohne zu zwingen und dadurch die widerstrebenden Elemente auszutreiben. Auf der Konfession kann sie nicht mehr Fussen, sondern nur auf der gemeinsamen Abstammung, der „ethnischen Zusammengehörigkeit" (die mit „Rasse" nicht identisch ist). (S. 78). Nur dieses Kriterium entspricht, vielleicht nicht den Empfindungen einer „ästhetisierenden Elite", die als den letzten Grund ihres Ich die jüdische Seele empfindet (S. 79), wohl aber dem einfachen und undifferenzierten Empfinden der grossen Massen; und sie entspricht auch den Bedürfnissen des' Staates, der durchaus nur danach fragt, ob jemand diesen Staat anerkennt oder ablehnt, und ob er in dieser Sprache Recht nehmen, sein Kind erziehen usw. will oder nicht. Alles andere ist purer „Nominalismus", dem keine Real'ität gegenübersteht. .(S. 81). Diese freie Organisation der Juden nach ihrem „Stammesbewusstsein" kann alles leisten, was man von der nationalen Autonomie für die Diaspora erhofft, vor allem die würdevolle, antiassimilatorische Haltung des seiner Herkunft stolzen Menschen. Ganz können wir nicht sein; die Halbheit liegt aber nicht in unserem Willen und seiner Schwäche, sondern in den anormalen Bedingungen der Diaspora. Ein Bekenntnis zur jüdischen Nation wäre eine Unwahrheit: denn das Wort bezeichnet nun einmal den Sprach- und Kulturkreis, in dem man steht. (S. 93). Damit ist die Pflege der ideellen und materiellen Belange der jüdischen Gemeinschaft durchaus vereinbar: im Gegenteil. Jeder Zwang nach der nationalen Richtung hin würde nur einen Massen-Exodus zur Folg« haben und das Judentum — und damit das Palästina-Werk — ungeheuer schädigen. Nicht einmal die Schule würde national minderwertiger zu sein brauchen als unter dem System der Autonomie. (S. 9b). Wo die Juden in Massen siedeln, werden ihre Schulen in jedem Falle jüdische Schulen sein, wenn der Staat seine Pflicht erfüllen will; und wo sie nicht in Massen siedeln, würde eine exklusiv nationalistische Schule ihre Pflegebefohlenen nur in ein geistiges Ghetto sperren, schwer schädigen umd wahrscheinlich eben dadurch auf die Dauer entnalionalisieren.