Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 6 (25.12.1919)
- Article
- Die jüdische Emigrationsfrage
- Date
- 1919-12-25
- Page
- Seite 126 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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126 Wir haben ein igutes Muster für das, was hier nottut: Das unter der Regierung der verstorbenen Königin in London etablierte Enügrants Information Bureau (London, Westminster 31, Broajdway). Wer sich für die Sache interessiert, mag sich die Mühe nehmen, dort hinzuschreiben, um sich über irgendeine englische Kolonie zu' informieren. Er wird eine Broschüre bekommen, für die ein nomineller Preis berechnet wird. Nominell wegen seiner Niedrigkeit (meist 1 Penny), und noch nominellerd adurch, dass die Broschüren meist gratis versandt werden. (Briefe an das Büro brauchen nicht frankiert zu sein!) Das gilt für die englischen Emigranten, — es soll kein Wink für diejenigen sein, die sich;nun auf meine Veranlassung dorthin wenden werden. Ich wollte nur zeigen, wie leicht es dort dem Auswanderer gemacht wird» Informationen einzuziehen. Ein Beispiel für unser künftiges1 „Emigrauts Information Bureau". In den Broschüren steht alles. Man findet darin eine Karte des Landes, man erfährt alles1 nötige über die Reisewegc, die Landes« Verhältnisse, über den landesüblichen Lohn in allen Berufen, vom ungelernten Goldgräber bis zum ausgebildeten Mechaniker, vom Dienstmädchen bis zur -Gouvernante. Man erfährt,, wie teuer im Juli die Kartoffeln sind, und was man für Kleider und Schuhe zu bezahlen hat. Jedes Vierteljahr wird ausserdem in allen Postanstaltcn und sonstigen Behörden eine Anzahl von Plakaten angeschlagen, aus' denen Aenderuin^en usw. hervorgehen, und es geht sogar noch weiter: da England nicht nur für seine Emigranten, sondern auch für seine Kolonien zu sorgen bestrebt is't, erscheinen von Zeit zu Zeit Inserate in den Zeitungen, in welchen freie Ueberfahrt und freies Land annonziert werden, je nach den Bedürfnissen der betreffenden Kolonien. Eine jüdische Institution, welche zu diesem Zwecke geschaffen würde, muss die ganze jüdische Emigrationsfrage in der ausserordenilichsten Weise beeinflussen. Manches ist oben schon angedeutet. Wuschen einen regelrechten Dienst, der eine bestimmte Ausbildung erfordert, wir haben die Möglichkeit vor uns, unserem studierenden Proletariat ein neues grosses Feld der Tätigkeit zu eröffnen, und es würde dadurch ein ernsthaftes und umfassendes Studium der Judenfrage in allen ihren Einzelheiten eingeleitet. Aber noch vieles andere ergibt sich aus' einer solchen Organisation. Ich will an dieser Stelle nur eins herausgreifen, nicht weil es das wichtigste, sondern weil es frappant genug ist, zum Nachdenken anzuregen. Es wird sich das Bedürfnis herausstellen, eigene Schiffe für die jüdische Emigration in Dienst zu stellen. Wir haben schon ab und zu das Projekt auftauchen sehen, dass eine Pilgerreise von Juden nach Palästina auf einein Schiff mit koscherer Küche unternommen werden soll. Die Sache ist auch nicht unwichtig, wie mir viele zugeben werden. Wie ungleich .wichtiger aber ist es, für die vielen Tausende, die jeden Monat über das Weltmeer gehen, eine Fahrgelegenheit zu haben, welche ihnen eine menschenwürdige 'Behandlung, eine erträgliche Ueberfahrt und einen wesentlich reduzierten Preis sichert. So weit es im Rahmen eines Zeitungsartikels geschehen kann, glaube ich das Problem und die Möglichkeit seiner Lösung gezeigt zu