Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 6 (25.12.1919)
- Article
- Die jüdische Emigrationsfrage
- Date
- 1919-12-25
- Page
- Seite 125 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2908689-2908753-2908757-2912423--2933-2912442- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
125 angehört, ist nicht fähig, die Lage eines Landes, einer Industrie usw. zu beurteilen, und wird von Veränderungen meist nfents spüren, bis sie ihn persönlich treffen. Viel ist auch in der Richtung gesündigt worden, dass man die Emigration nach bestimmten Ländern hat fortdauern lassen, wenn es an der Zeit gewesen wäre, sie durch eine geeignete Aufklärungsarbeit einzudämmen. Statt dessen hat man gewartet, bis' zwangsweise Einschränkungen von Seiten der Einwanderungsländcr verfügt wurden. Ja, es ist sogar vorgekommen, dass in aller Oeffentlichkeit Emigrationsl linder empfohlen wurden, die zurzeit und auf lange hinaus verschlossen waren, wie Südafrika und Kteinasicn. Es ist wahr, dass man vor Jahren, als die russische Emigration ihren Höhepunkt erreichte, zu grösseren Beratungen zusammenkam, um möglichst planmässig vorzugehen. Und auch das ist wahr, dass damals manches, ja sogar vieles1 geschehen ist. Liest man aber heute die Protokolle der damaligen Verhandlungen, so muss' uns mehreres auffallen. Zunächst sehen wir da Standpunkte vertreten, die uns' heute ausserordentlich lächerlich vorkommen, doppelt lächerlich, wenn wir bemerken, mit welchem Beifall sie damals aufgenommen wurden. Vor allem aber wurde die Zukunft so gut wie ganz vernachlässigt. Es ist die alte Erfahrung, dass man bei uns Juden sich von Katastrophe zu Katastrophe aufrafft, zu irgendeiner „Tat", und von jedem neuen Unglück ebenso überrascht ist wie von den früheren. Auch die Gründe sind ja eigentlich klar genug: Wenn es gilt, über eine jüdische Frage zu beraten, so beruft man die Spitzen der Judenheit. In erster Linie werden verlangt: die Inhaber von Titeln, Orden und Banknoten. Fachleute sucht man nicht, und es gibt keine Fachleute, weil man nie welche sucht. So kann es vorkommen, und es kommt vor, dass die minimalste Beschäftigung mit jüdischen Dingen, der blosse Anschein kaufmännischen. Blickes und die geringste und oft verkehrteste propagandistische Tätigkeit höchst unqualifizierte Leute an die Oberfläche von Bestrebungen und an die Spitze von Vereinstätigkeiten treibt. Bei solchem Stand der Dinge, und besonders' bei dein riesigen Um- . fange der jüdischen Auswanderung, scheint mir folgendes nötig zu sein: Wir brauchen ein .Auswanderungsamt, eine Zentralstelle mit Zweigbüros in allen Auswanderuugs- und Einwanderungsiändern, mit Vertrauensmänner- resp. Untcrorganisationcn an allen in Betracht kommenden Organisationen mit einer hinreichenden Anzahl geschulter Kräfte, die jederzeit überall verwendet werden können, und mit einem Aufklärungsdienst, dem alle jüdischen Zeitungen für seine Veröffentlichungen zu Gebote stehen und der die Mittel hat, um selbständig durch Broschüren und Flugblätter eine unifassende Tätigkeit zu veranstalten. Ich bin mir wohl bewusst, eine wie grosse Organisation hier nötig wäre. Aber ich habe auch einen Begriff von den ungeheuren Verlusten an Juden menschen und Judentum, wie auch an Geld, Zeit und Energie, die wir und unsere Sache täglich erleiden und erleiden werden, solange eine Organisation, wie die hier nur angedeutete, nicht geschaffen sein wird.