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Neue jüdische Monatshefte · 1919-12-25 · Heft 6 (25.12.1919) · p. Seite 119

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 6 (25.12.1919)
Article
Jüdisches Wesen und jüdisches Leben
Date
1919-12-25
Page
Seite 119 (sequence 3)
Language
German
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119 pflanzen, die es mit den grossartigsten Konzeptionen versieht. Darum ist ja auch das Golus* — diese Wirkung der Entweltlichung und dieses Werkzeug geistlicher Zucht — vom ersten Augenblick an bis auf den heutigen Tag zugleich eine angemessene Basis für jüdisch-weltliches Geschehen, für die Formung eines erlesenen Menschentypus von trotziger, praktischer Selbstbehauptung und für das Hervorquellen einer Fülle von Lebensstil und Poesie. Ein (grandioses Beispiel dieser lebenerzeugenden Macht des Golus stellen die neuen Kultur- und Wirtschaftstatsachen der Ostjudenheit dar, dieses Blocks, der drei Viertel des ganzen jüdischen Volkes umfasst. Vieles ist da noch roh, unfertig, ja manchmal unerfreulich, einiges' sogar schon im Verfall, aber alles zusammen bietet doch das Bild einer ursprünglichen Bewegung von Energien, einer natürlichen Schaffung und Ausbildung von Organen, einer gewaltigen Beseeltheit. Was noch fehlt, ist nichts weiter als Erkennen, Anerkennen und Organisieren dieser Kraft. Und diese Lücke auszufüllen, planvolles Arbeiten für die Erhaltung und Gestaltung, Stärkung und Steigerung der jüdischen Positionen in der ganzen Welt, halte ich für eine Aufgabe, bei der jeder mithelfen kann und muss, der die Eigenart des Volkes am besten im schreitenden Leben verbürgt sieht. Zu xlen grossen jüdischen Wohlfahrtsaufgaben der Gegenwart zähle ich vor allem die Organisierung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Kräfte an den bisherigen Siedlungsorten. Nicht alle können, nicht alle wollen und nicht alle müssen wandern. Und die schon gewandert .sind, müssen an ihren neuen Orten bodenständig werden können. Die Mittel, die für diese Aufgabe zur Verfügung stehen, sind politischer Zusammenschluss und wirtschaftliche Organisation. Von den letzteren will ich beispielsweise das Kredit- und Erwerbgenossenschaftswesen, die agrarische Innenkolonisation und das proletarische Gewerkschaftswesen erwähnen. Eine zweite Wohlfahrtsaufgabe betrifft die unvermeidlichen Wanderungen. Sie sollen kontrolliert, nach Möglichkeit gelenkt und durch verschiedene Massnahmen für die Wanderer nützlich gemacht werden. Die Worte Emigrationsbank <und Emigrationskongress schwirren ja in der Luft. Jedenfalls müssen Mittel und Wege gefunden werden, um einen grossen Zug in die Sache zu bringen. Ob und inwieweit die Wanderbewegung auch für Kolonisationen, d. h. Schaffung neuer agrarischer oder industrieller Siedlungen benutzt werden soll, wird sich erst zu zeigen haben. An sich ist gewiss nichts dagegen einzuwenden. Nur dürfen derartige Unternehmungen in keinem Falle mit der Prätension auf alleinige gänzliche und endgültige Judentums- und Judejirettung auftreten. Solche Prätension trübt den Blick für die lebendigen Kräfte des Volkes und beeinträchtigt die, geduldige Arbeit an allen jüdisdhen Positionen. Was speziell Palästina betrifft, so halte ich es aus religiösen, nationaUculturellen und historischen Gründen für ein Land unbestreitbar fortlebenden jüdischen Volksinteresses, daher für eine der wichtigsten jüdischen Positionen, und seine Kolonisation für eine nationale Pflicht.

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