Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 6 (25.12.1919)
- Article
- Jüdisches Wesen und jüdisches Leben
- Date
- 1919-12-25
- Page
- Seite 118 (sequence 2)
- Language
- German
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118 Selbstverständlich hat die geistliche Grundtendenz des jüdischen Wesens im Golus weitergewaltet und mit jedem neuen Jahrhundert sich weiter vertieft. Aus dieser Zucht der Jahrtausende wuchsen die zahlreichen jüdischen Menschen mit unerbittlichen Forderungen hervor: Die Oerechten des religiösen Gesetzes, die mystischen Ekstatiker, die Prediger des sozialen Gewissens. Bis in die letzten und feinsten . Verzweigungen des neuzeitlichen Lebens lassen sich die Wirkungen dieser beispiellosen geistlichen Zucht verfolgen. Aber in den letzten Zeitläuften ist doch eines verloren gegangen. Die schon durch gewisse Anzeichen bekräftigte Ansicht, dass aus dem fetten geistlichen Boden wieder wie einstmals1 das ganze Grosse spriessen werde: neue welterlösende Werke, neue Menschen der grossen Botschaft. Und s-dhuld an diesem Verlust ist die „Haskolo". Indem sie die grossen und nach ihnen die kleinen Geister blind machte, so dass sie die gewaltige Kräfteaufstapelung in der jüdischen Weltanschauungsorganisation nicht mehr sahen und diese verliessen, hat sie diese selbst und mit ihr neue Wunder des jüidischen Geistes in Frage gestellt. Weil jedoch die jüdischen Menschen selbst nicht mehr zu ändern sind — nur maskilische, d. h. schiefgewachsene Geistigkeit kann es versuchen wollen — ist für das jüdische Volk ein Wiederaufschwung nur dann denkbar, wenn es sich auf sein Wesen auch als Volkspflicht besinnt. Das jüdische Volk wird entweder wieder die grosse Zuchtanstalt geistlicher Lebensauffassung sein und aus dieser Anstalt wieder grosse erlösende Energien freimachen wie einstmals1, oder es wird überhaupt nicht sein. Ich glaube aber, dass es* sein wird. Gewisse Zeichen verkünden die beginnende Abkehr der Geister von der allzu bequemen ungeschichtlichen und analytischen Betrachtungsweise und damit die Hoffnung, dass das1 als Weltanschauungsgcmeinschaft organisierte jüdische Volk seine heissesten Herzen und stärksten Hirne bald nicht mehr wird zu verlieren brauchen. Hoffentlich tnissversteht man mich nicht und zählt mich nicht den westjüdischen Predigern zu, die eine vom jüdischen Volkstum losgelöste jüdisch-geistliche Mission ausgeheckt haben. Ich habe mit dieser Theorie, die die jüdisch-geistliche Idee an fremdes1 Volkstum kuppeln, d. Ii. das Leben jüdisch geborener Menschen nach zwei diametral entgegengesetzten Weltanschauungen einrichten will, und die mir nur aus' dem Milieu ihrer Schöpfer heraus begreiflich erscheint, gar nichts zu tun. Schon aus dem, was ich bisher sagte, war zu erkennen, dass ich das jüdische Volkstum voraussetze. Es fällt mir aber auch gar nicht ein, diesem Volkstum sozusagen nur ein geistliches Leben zuzugestehen. Ein solches gibt's streng genommen gar nicht. Alles Leben ist weltlich. Geistliche Weltanschauung steht nur im Gegensatz zu weltlicher Weltanschauung, aber »nicht zur Welt selbst. Nichtwillen zur Macht bedeutet noch nicht Nichtwillen zum Leben. Geistliche Weltanschauung ist nicht Verneinung des Lebens, sondern die Tendenz, das Leben mit einer Ahnung des Ausserweltlichen zu durchdringen und ihm damit eine eigene Gestaltungsmacht einzu-