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Neue jüdische Monatshefte · 1919-12-10 · Heft 5 (10.12.1919) · p. Seite 114

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 5 (10.12.1919)
Article
Offener Brief an Georg Hermann
Date
1919-12-10
Page
Seite 114 (sequence 2)
Language
German
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114 dürfen, die uns zum dritten Mate aus dem Galuth zurückführt in unsere alte heilige Heimat. Dieses Glüdcsgefühl lässt mich auch gelassen all die antisemitischen Anfeindungen unserer Tage betrachten, die wohl den Einzelnen, ja die Tausende von uns treffen können, die aber jetzt ebensowenig wie in den Jahrtausenden der jüdischen Geschichte die Zukunft des jüdischen Volkes erschüttern werden. Zum ersten Male seit den Tagen unserer Zerstreuung sind wir nicht mehr nur Objekt der Geschichte, nicht mehr abhängig von dem grösseren oder geringeren Mass von Verständnis oder Duldung seitens unserer Umwelt, sondern nehmen fest und entschlossen selbst unser Schicksal in die Hand. Ich bitte Sie, mich nicht z<u misszuverstehen: In dieser Bejahung der jüdischen Gemeinschaftsgedanken liegt nicht die Spur von Gehässigkeit gegenüber der Gemeinschaft, in der wir leben. Ich bin dankbar und ergeben der deutschen Kultur, aus der und in der ich aufgewachsen bin, »und der ich 'so viel 'Liebe und Verständnis zu zeigen glaube, wie nur irgend ein Deutscher. Ich bin heute, wi:e stets ein jguter deutschen Staatsbürger, durchdrungen von den Rechten und Pflichten eines solchen, und ich werde nicht aufhören so zu fühlen, solange ich) 'die Luft Deutschlands atme. Aber dieses deutsche Staatsbürgerturn fallt nicht allein die Kammern meines Denkens und FühLens aus; neben ihm und über ihm und mit ihm durchaus verträglich) lebt das tief innere Bewusstsein geistiger Verbundenheit mit der Judenheit in allen 'Ländern und die Uebcrzcugung, dass dem Sehnen ihrer Massen nach einem nationalen Sammelpunkte im 'Lande der Väter Erfüllung werden muss. Dieser Gedanke des Zionismus, das Streben nach dem Aufbau einer Heimstätte in Erez Israel, hat ja gar nichts gemein init den nationalistischen und chauvinistischen Bestrebungen, die wir gerade in unserer Zeit sich breit machen sehen, nichts gemein mit Macht- und Herrschgelüsten, sondern ist nichts weiter als das Bewusstsein, im! Rahmen einer nationalen Gemeinschaft am besten und reibungslosesten die im jüdischen Volke vorhandenen geistigen und kulturellen Kräfte nutzbar zu machen — zum Wohle der Judenheit selber und zum Heile der Menschheit. Darum ist die Frage, die Sie aufwerfen, ob} der Jude staatenbildend sei, — ich bin darin anderer Meinung als Sie — in diesem Augenblicke gleichgültig. Der Jude hat ja seit zweitausend Jahren seine Fähigkeiten auf diesem Gebiete wie auf so vielen anderen] hiebt zeigen können. Und nicht auf seine Staaten bilden de Fähigkeit kommt es an, sondern auf seine Fähigkeit, neue kulturelle Werte zu entwickeln — besser als bisher, wo er soviel seiner Kraft im Kampfe gegen eine verständnislose oder feindliche Umwelt verzetteln m-usste. Jede nationale Gemeinschaft ist nur eine Vorstufe zum allgemeinen Menschentum — darin stimme ich mit Ihnen durchaus überein. Aber in diesem Zugeständnis liegt kein Bedenken gegen nationalen Zusammenschluss: Nur Gemeinschaften gleicher Art, gleichen Empfindens, gleicher Rasse, gleicher Nationalität können die in ihnen vorhandenen geistigen Kräfte voll entwickeln, und darum ist der Zusammenschluss der Nationen in sich notwendig gerade zur Entwicklung der Gedanken, die das allen Nationen gemeinsame Menschheitsideal fördern.

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