Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 5 (10.12.1919)
- Article
- Offener Brief an Georg Hermann
- Date
- 1919-12-10
- Page
- Seite 113 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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113 Offener Brief an Georg Hermann Sehr geehrter Herr Hermann! thr Bekenntnis: „Zur Frag« der Westjuden"*) hat mich in tiefster Seele ergriffen — nicht so sehr um der schönen und vielfach neuen Gedanken willen, die es enthält, nicht allein wegen seines tiefen sittlichen Ernstes und der wundervollen Sprache, in der Sie es niederlegen, sondern weil ich von Herzen mit Ihnen empfinde, weil ich Sie verstehe, weil auch ich den gleichen inneren Kampf in mir durchkämpfen musste wie Sie. Sie haben es richtig erkannt: Unzählige unter den deutschen Juden, ja, wohl jeder von ihnen', der acht gflbt auf die geistigen Probleme, die ihn umgeben, hat Stellung nehmen, hat umlernen müssen, hat blutenden Herzens so vieles in sich zerbrechen Müssen, was ihmj lieb und teuer war. Auch mir ging es so: Auch ich ging wie so Viele Tausende der deutschen Juden im Beginn des Krieges ins Feld, erfüllt von Begeisterung, von Idealen und Hoffnungen, auch ich glaubte wie Sie bei aller Anhänglichkeit an das Judentum zu allererst Deutscher zu sein; ich glaubte, dass gerade die Schule des Krieges das deutsche Volk in naher Zukunft dazu führen müsse, die deutschen Juden uneingeschränkt als Teil seiner selbst anzuerkennen und in sich aufzunehmen. Aber im Schützengraben habe auch ich — aus innerem Erleben, nicht etwa aus äusseren Konflikten heraus — erkannt, dass eine Kluft den Deutscheu und den Juden trennt, eine Kluft in Lebensanschauungen, im Fühlen und Denken, eine Kluft in der Stellungnahme zu den sittlichen und geistigen Fragen des Lebens, und andererseits, dass bei aller sozialen, sprachlichen und regionären Verschiedenheit ein Band des Verstehens und der Zusammengehörigkeit mich verbindet mit meinen jüdischen Brüdern diesseits und jenseits der deutschen Grenzen. . Und so habe ich — entschlossener und klarer, a*s Sie es auf Ihrem ernsten und mühsamen Gedankenwege bisher getan —• den Weg zum Zionismus gefunden und bin beglückt in dem Bewusstsein, den Kampf für mich durchgekämpft zu haben. Ich habe die Liebe zu denen gefunden, denen ich meiner Rasse und meinem' Empfinden nach angehöre; ich habe den Stolz auf mein Volkstum wieder, und ich bin froh in der Erkenntnis meiner Pflicht, mit meinen jüdischen Volksgenossen zusammen zu kämpfen für gemeinsame Ziele und ideale. Darum habe ich — so sehr ich von der Notwendigkeit auejh. der sittlichen Erneuerung des jüdischen Volkes durchdrungen bin — auch nicht wie Sie das Gefühl des Erhabenseins über die Ostjuden, deren ungeheure geistige und sittliche Kraft ich vielmehr bewundere; auch sie sind zu allererst meine Brüder, ihre Leiden und ihre Kämpfe sind die meinen, und sie sind darüber hinaus die einzige Kraft- und Menschenquelle, aus der allein das westliche Judentum sich noch ergänzt und erhält. Darum habe ich auch nicht wie Sie das Gefühl der Vereinsamung und der Enttäuschung, ^sondern'das der Beglückung darüber, an dem Kampfe unr die Wiedergeburt des jüdischen Volkes teilnehmen und in dieser grossen Zeit leben zu *) Siehe Neue Jüd. Monatsh. 1019 Nr. IQ'20.