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Neue jüdische Monatshefte · 1919-12-10 · Heft 5 (10.12.1919) · p. Seite 107

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 5 (10.12.1919)
Article
Ruben und das neue Personifikationsdogma
Date
1919-12-10
Page
Seite 107 (sequence 9)
Language
German
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107 hatte, die Ehe als einen symbolischen Ausdruck der Vereinigung von Stämmen zu gebrauchen. Denn die Entstehung: neuer Stämme (z. B. der Stämme Rüben, Simeon usw.) würde nicht der natürliche Effekt der Verschmelzung zweier älterer Stämme (z. B. des Stammes Jakob und des Stammes Lea) sein. Das natürliche Produkt einer solchen Verschmelzung wäre vielmehr ein einheitlicher Stamm. Bilha aber z. B. hat die Söhne. Dan und NaphtaH gehabtf, ist also die Stammmutter neuer Stämme geworden,. Und gibt es denn auch sogar noch einen fünften Vorsuch, die in 1. Mos. 35, 22 und seinen Parallelen enthaltene Notiz umzudeuten? Ja, man«) will jn .jener Erzählung über Rubaas Umgang mit Bilha eine Spur davon finden, dass einstmals Polyandrie odler Vielmännerei in Israel bestanden habe. Aber darf ein Zeugnis von dieser Sitte in jener Erzählung über Rüben (1. Mos. 35, 22 usw.) gefunden werden? Diese Tat ist doch schon in dem alten poetischen Stück 1. Mos. 49, 3 ff. und an allen drei Orten, wo sie erwähnt ist, als abnorm getadelt. Darf sie trotzdem als eine im alten Israel gesctzinässige 'hingestellt werden? Zu solcher Umwertung der in den althebräischen Quellen ausgesprochenen Urteile hat mau erstens überhaupt kein Recht. Zweitens waren die Israeliten sicii bewusst, dass sie bereits von alters her hohe religiös-sittliche Ideale besassen, wie ein Blick auf 1. Mos, 20, 11; 34, 31; 39, 9; Rieht. 20, ö ujw. lehrt. Dieses geschichtliche Bewusstsein zu ignorieren und alfes zu nivellieren, besitzt man keine Erlaubnis. Im Gegenteil ist folgendes zu bedenken. Das Volk Israel steht in den Ausgängen des antiken Geschichtslcbens unbestreitbar als ein eigenartiges Völkergcbilde da. Man bedenke nur, dass in ihm allein der Monotheismus zur allgemeinen Volksreligion geworden ist: seine Märtyrer hauchen mit dem Bekenntnis zur Gotteinheit ihre Seele aus. Man bedenke ferner, c3ass Israel allein inmitten aller umwohnenden Völker Gottesbilder verachtete. Man sehe auch z. B. noch, dass dort am persischen Hofe sich alle niederwarfen, wenn der Günstling Haman zum königlichen Palast kam, dass aber Mardochai die Menschenanbetung verweigerte. Schon aus diesen einzigartigen Blüten der Kulturentwicklung Israels wäre auf eigenartige Wurzeln und Kräfte derselben zu schliessen, und nun werden diese auch noch dazu von einer langen Reihe seltener Geister bezeugt, die auf jeden Fall zu den furchtlosesten Herolden höherer Religiosität und Sittlichkeit gehören. Welch um so grösseres Unrecht ist es da, wenn die eigenartigen Züge der israelitischen Kultur neuerdings so oft mit allgemeinen Farben übermalt werden, die von den andern Völkerstämmen hergenommen werden! Die jetzt so vielfach angewendete Methode, das in Israels Gesdiichtsbewusstsein Bezeugte zu ignorieren und solches, was in ihm verworfen wird, zu postulieren, kann nicht zu einer gerechten Würdigung seiner geschichtlichen Stellung führen. So erweist sich also auch der f ü u f te Weg, den man eingeschlagen 6) Friedr. Ulm er: Die semitischen Eigennamen im Alten Testa ment.

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