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Neue jüdische Monatshefte · 1919-12-10 · Heft 5 (10.12.1919) · p. Seite 105

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 5 (10.12.1919)
Article
Ruben und das neue Personifikationsdogma
Date
1919-12-10
Page
Seite 105 (sequence 7)
Language
German
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105 Verschuldung Rubens in klarer Konsequenz als Anlass des Umstandes bezeichnet, dass Rüben zAvar „der Erstgeborene" geblieben ist, dass aber die Erstgeburts's t e 11 u n g von ihm auf die Nachkommen Josephs und Judas übergegangen sei (L Chron, 5,1 f.). Wie aber meinen diejenigen, die Rüben als das blosse Produkt einer Personifikation ansehen, diesen Zug in der Charakteristik dieser angeblich erdichteten Person erklaren zu können? Wie soll nach der Meinung dieser modernen Geschichtsmacher die israelitische Ueberlieferung darauf gekommen sein, diesen Zug in das EM jenes Phantasieproduktes hineinzuzeichnen? Zunächst (bringt man folgende Begründung vor: Wer sich die Frau eines Mannes aneigne, stelle die bis dahin geltende Ordnung der Dinge in Frage. Die Erzählung, dass Ruhen sich eine Frau seines Vaters angeeignet habe, sei deshalb der Ausdruck dafür, dass der Stamm Rüben sich gegen die Gesamtordnung des Volkes Israel aufgelehnt habe. Aber erstens .meldet die Geschichte des Stammes Rüben nichts von einer solchen Auflehnung, und zweitens würde eine solche auch nicht durch die Erzählung von einem Ehebruch des Stammvaters zum Ausdruck gebracht worden sein. Erstens nämlich kann das Auftreten, das in 4-, Mos. 16,1 ff. an zwei oder drei Rubeniten beobachtet wird, nicht als eine Empörung gegen die bestehende Ordnung betrachtet werden. Sie wollten keine neue Herrschaft in Israel einführen, sondern die alte in ihrem Bestand schützen. Zweitens ist den Stammvätern der Stämme Ephraim und Juda, von denen in der Tat die Hegemonie in Israel erstrebt und so „die bisherige Ordnung des Ganzen" in Frage gestellt wurde (Rieht. 8,1 ff.; 12,1 ff. usw.; 2. Sam. 2,4 usw.), keineswegs ein unerlaubter Umgang mit einem Weibe ihres Vaters zugeschrieben worden. Ein anderermeint, jene Erzählung von 1. Mos. 35,22 usw. daraus ableiten zu können, dass „bei dem Stamm Rüben sich wahrscheinlich die auch bei den heidnischen Arabern nachzuweisende Siitc erhalten habe, dass beim Tode eines Mannes mit dessen Besitz auch die Kebsweiber (— unebenbürtige Gattinnen) auf den Erben übergingen." Aber bei der Geschichte, die in 1. Mos. 35,22 usw. erzählt ist, handelt es sich ja gar nicht um den Fall, dass die Witwen eines Mannes geerbt werden. Die Tat, die in jenen Stellen an Rüben getadelt ist, geschah ja bei Lebzeiten seines Vaters. Hat übrigens der Feldhauptmann Abner dadurch, idass er mit Sauls Witwe Rizpa in intimen Verkehr trat (2. Sam. 3,7), die Erstrebung der Königsherrschaft einleiten wollen? Nein, er trug diese vielmehr David an. Ausserdem ist Davids letzte Pflegerin, auf die man sich in diesem Zusammenhange auch noch beruft, die Abisag von Sunem, dem «Adonia nicht einfach deshalb von Salomo verweigert worden, weil er auf ihren Besitz einen Thronanspruch hätte stützen können. Vielmehr ist ausdrücklich dies erzählt (1. Kön. 2,22), dass Salomo Bedenken trug, sie ihm zur Gemahlin zu geben, weil Adonia der ältere Bruder war, also deshalb den Thron hätte erstreben können, und ejnflussrcichc Männer auf seiner Seite standen. Salomo drückt höchstens che Befürchtung aus, dass unter solchen Umständen Adonia durch die Vermählung mit Abisag seinen Thronansprüchen einen neuen Schein verleihen könne.

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