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Neue jüdische Monatshefte · 1919-12-10 · Heft 5 (10.12.1919) · p. Seite 104

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Journal
Neue jüdische Monatshefte
Volume
1919-1920
Issue
Heft 5 (10.12.1919)
Article
Ruben und das neue Personifikationsdogma
Date
1919-12-10
Page
Seite 104 (sequence 6)
Language
German
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104 Denn als Israel auf seiner Wüstenwanderung eine militärische Aufstellung wählte, die zur 'Abwehr und zum Angriff geeignet war, marschierte der Stamm Rüben nicht an der Spitze. Diese wurde vielmehr vom Stamm Juda gebildet (4. Mos. 2,3. 10). Als ferner Israel in das westjordansche Land einzog, war nicht der Stamm Rüben es, d^r die Operationen leitete. Im Gegenteil tritt es gerade bei dieser Gelegenheit stark hervor, dass er sich den Dispositionen eines andern Führers zu fügen hatte (Rieht. 1,2 ff. 22 ff.). Weiterhin im Deboraliede wird, wie schon oben gezeigt worden ist, mit feiner Ironie der Mangel an Patriotismus gcgeisselt, mit dem der Stamm Rüben sich in der Not des gemeinsamen Vaterlandes seiner Pflicht entzog, und aus einer andern poetischen Stelle des althebräischen Schrifttums (5. Mos. 33,6) tönt uns ja ein Stosseufzer zugunsten des schwachen Stammes Rüben entgegen. Also aus der Geschichte des Stammes Rüben hatte man nicht heraushören können, dass er unter Israels Stämmen „der berühmteste und grösste" sei. Nach der geschichtlichen Wirklichkeit der späteren Zeit hätte man ihm nicht einen Stammvater . zuschreiben können, welcher der erstgeborene Sohn seines Vaters gewesen wäre, selbst wenn man in Israel die (Gewohnheit besessen hätte, der geschichtlichen Bedeutung eines Stammes das Alter des betreffenden Stammvaters entsprechen zu lassen. Diese Gewohnheit existierte aber nicht in Israel. Denn in dessen Geschichtsbüchern lesen wir: „Chosa hatte folgende Söhne: Erstens Schimri, das Haupt, denn er war — (zwar) — nicht der Erstgeborene, aber doch hatte ihn sein Vater zum Haupt gesetzt, zweitens Chilkijjahu, drittens Usw." (1. Chnon. 26[27J110 f.). Also der da von seinem Vater bevorzugte Sohn ist doch keineswegs der „Erstgeborene" genannt, wie es betreffs Rubens stets geschieht. Ja, an einer andern Stelle (5,1 f.) ist auch in bezug auf Rüben ausdrücklich gesagt, dass er zwar der Erstgeborene war, dass aber die "Erstgeburts s t e 11 u n g au die Nachkommen Josephs und Judas übergegangen sei. Also so genau unterschied das israelitische Geschichtsbewusstsein zwischen tatsächlichem Vorrang und Erstgeburtsalter, und da soll ebendieselbe Geschichtsüberlieferung dem Stamm Rüben trotz seines Mangels an tatsächlichem Vorrang doch den an Alter Erstgeborenen zum Stammvater gegeben haben! .Der israelitischen Ueberlieferung meinen manche jeden Widerspruch zuschreiben zu dürfen. Aber die israelitische Geschichtsschreibung müsste, wenn Rüben nicht in Wirklichkeit der Erstgeborene gewesen wäre, ihm diese Eigenschaft zugeschrieben haben, obgleich er nicht nur nicht ,,der grösste und berühmteste" von den Stämmen Israels war, sondern obgleich ihm sogar ein ausserge wohnlich er Schandfleck anhaftete. Der zweite Hauptzug, der aus der biblischen Charakteristik Rubens dem Leser entgegentritt, ist ja ein grosser Fehltritt Rubens. Dieser hat sich, wie in den Geschichtsbüchern dreimal (l.Mos. 35,22; 49,4; 1. Chron. 5,lf.) mit heftiger Verurteilung bemerkt ist, un einen unerlaubten Umgang mit Bilha, dem be'kann-ten Nebenweibe seines Vaters, eingelassen. In der isra-elitischen Geschichtsschreibung ist diese

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