Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 5 (10.12.1919)
- Article
- Ruben und das neue Personifikationsdogma
- Date
- 1919-12-10
- Page
- Seite 102 (sequence 4)
- Language
- German
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102 Sohnes von Jakob existiert hätte. Ausserdem lässt sich die Behauptung der erwähnten Autoren Stade usw., dass die Israeliten zuerst dem Totemismus angehangen hätten, überhaupt nicht einmal wahrscheinlich machen. Denn unter den ältesten Namen von Israeliten finden sich sehr .wenig Tiernamen, während z. B. bei den Engländern 3% der Personennamen mit Tierbezeichnungen zusammenfallen, und eine so schwache Beziehung von Personennamen zu Tierbezeichnungen, wie sie im alten Israel vorhanden ist, war. in jenen früheren Zeiten, in denen der Mensch als Viehzüchter und Äckerbauer so viele Berührungen mit der Tierwelt hatte, eine ganz natürliche Erscheinung. Eine gewöhnliche Konsequenz aber, die der Totemismus da, wo er wirklich herrschte, besitzt, nämlich das Hinausheiraten aus dem Stamm (die sogenannte Exogamie), findet sich in Israel gerade nicht, wie man aus 1. Mos. 24,4 und besonders 4. Mos. 36, 6—8 ersieht.2) Andere haben noch mehrere andere Wege eingeschlagen, um die Urgestalt und die Urbedeutung des Namens Re'üben ausfindig zu machen, wie Rüben ja genau nach dem Hebräischen lautet. Die in den Geschichtsbüchern überlieferte Form dieses Namens soll eben durchaus auf einer späteren Umbildung beruhen.3) Aber darf man wirklich die überlieferte Gestalt dieses Namens nicht als die richtige ansehen? Nach dieser bedeutet der Name soviel wie „Seht ein Sohn!", und er prägt die Freude der Mutter darüber aus, dass sie ihrem Manne einen Stammhalter schenken durfte. Eine solche Entstehung jenes Namens besitzt aber viele Parallelen. Denn zunächst bei den Aegyptern sprach sich oft die Freude der Eltern über ihr Kind in dessen Benennung aus. Da kommen ji. B. die Namen „Schöner Tag" und „Schöner Morgenu vor. Sie erinnern an den freudevollen Tag der Geburt des betreffenden Kindes. Ein anderer .ägyptischer Name lautet „Meiner" oder „Der einzige". Der Vater sagt dort mm Nil von einem Kinde auch „Ich habe es gewünscht" (man vergleiche Saul „Erbetener"!) oder „Es ist schön gekommen". Bei der Geburt einer Tochter sagte man z. B. „Schönheit kommt", und bei der Geburt eines Sohnes hiess es auch „Reichtum kommt". Noch viele andere Beispiele solcher Benennungen Undct man bei den Aegyptern4) und auch andere orientalische Völker nahmen und nehmen noch jetzt bei der Benennung eines Kindes gern auf die besonderen Umstände des betreffenden (Moments Rücksicht. Und tat man dies nicht faktisch auch in Israel? Als eine Schwiegertochter Elis unter dem Eindruck der Nachricht, dass ihr Mann in der Schlacht gefallen und die Bundeslade von den Philistern erbeutet worden sei, einem Knaben das Leben schenkte, gab sie ihm einen Namen, der die damalige Situatäon wie in einein Spiegelbild reflektierte. Sie nannte ihn Icabod „Nicht-Ehre" (1. Sam. 4,21). Folglich ist es weder unmöglich noch auch unwahrscheinlich, dass der 3) Eiiie vergleichende Untersuchung über den Totemismus gibt meine Geschichte der aJttestamentlichen Religion (1915), S. 79—81. 169. 3) Alle diese modernen angeblichen Wiederherstellungsversuche kritisiert im einzelnen mein Kommentar zur Genesis (1919) bei 29, '32. 4) Vgl Ad. Er man, Aegyptisches Leben im Altertum, S. 229.