Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 5 (10.12.1919)
- Article
- Ruben und das neue Personifikationsdogma
- Date
- 1919-12-10
- Page
- Seite 100 (sequence 2)
- Language
- German
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100 zu entfalten, dass die Deputierten des westjordanischen Israel voll Freude; nach Hause zurückkehrten und den gutnätionalen und religiösgetreuen Sinn der Rubeniten und der anderen ostjordanischen Bruderstämme aufs vollste anerkannten. Aber solcher Anzeichen kräftigen Lebens bietet die Geschichte des Stammes Rüben nur sehr wenige. Sie fehlen schon in der nächsten Periode der Geschichte Israels. Denn als die nördlichen Kanaaniter unter ihrem Feldherrn Sisera Wieder die Hegemonie über das nördliche Palästina an sich reissen wollten, scharten sich um Debora und Baralk zwar die Streiter aus den meisten Stämmen Israels und traten dem Erbfeind in der Ebene am: Kison auf blutiger Wahlstatt entgegen. Aber über den Stamm Rüben heisst es in dem anerkannt alten Deboraliede: „In den Gauen Rubens gab es gewichtige' Erwägungen! Warum sassest du zwischen den Hürden, um zu lauschen den Schalmeien bei Herden? Für die Gaue Rubens gab es gewichtige ErwägungenV (Rieht. 5, 15 f.). So wird mit feiner Satire gegeisselt, dass die Rubeniten damals den Zuzug zur Abwehr des gemeinsamen Feindes der Nation durch anscheinend wichtige Erwägungen ersetzt haben. Vielleicht erwogen sie den Plan, bei dieser Gelegenheit den feindlichen Nachbarn an ihren eigensten Landesgrenzen durch einen Angriff zuvorkommen zu können. Eine solche Betätigung kurzsichtiger Sonderpolitik finden wir ja auch sonst noch in der Geschichte des Stammes Rüben. Denn aus der Zeit des Königs Saul ist berichtet, dass der Stamm Rüben den an seiner Ostgrenze zeltenden Stamm der Hagariter siegreich bekämpft und deren Gebiet erobert hat (1. Chron. 5, 10). Vielleicht aber war es auch sein geschwächter Zustand, der den Stamm Rüben damals beim Heranrücken Siseras und der Nordkanaaniter abhielt, Hilfstruppen nach dem Westjordanland zu senden, Denn schon in dem alten poetischen Abschnitt 5. Mos. 33 ertönt die besorgte und teilnahmsvolle Bitte der anderen Stämme Israels: „Rüben lebe und sterbe nicht!" (V. 6). Er befand sich also damals sozusagen auf dem Aussterbe-Etat, und dies ist keineswegs unerklärlich. Denn ausser lebendigem Zusammenhang mit den Bruderstämmen stehend, konnte er um so weniger die Fremden bewältigen, die sich in seinem Gebiete von Anfang an als eine Art Heloten erhalten hatten, aber mit der Zeit sich zur Gleichberechtigung und schliesslich zur Ucbcrmacht aufschwangen. Ein deutliches Symptom davon ist die Tatsache, dass wir auf der um 845 aufgestellten Siegessäule des moabitischen Königs Mesa zwar den nördlicher angesiedelten Stamm Gad (Zeile 10), aber nicht mehr den Stamm Rüben erwähnt finden. Vielmehr müssen wir auf der Mesa-Inschrift einen grossen Teil der Städte, die einstmals den "Rubeniten zugeteilt worden waren, nun wieder im Besitze der Moabiter sehen. Was trotzdem noch an besitzenden Elementen vom Stamme Kuben sich damals erhalten hatte, wurde in der zweiten Hälfte des achten Jahrhunderts eine Beute der unaufhaltsam nach der Mittelmeerküste vordringenden Assyrer. Beera, der ^ein Fürst unter den Rubeniten" war, \vurde durch den assyrischen Herrscher Tiglath PiPeser in die Gefangenschaft weggeführt (1. Chron. 5, 5, 6), wie von demselben Assyrer