Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 5 (10.12.1919)
- Article
- Ruben und das neue Personifikationsdogma
- Date
- 1919-12-10
- Page
- Seite 99 (sequence 1)
- Language
- German
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99 Rüben und das neuere Personifikationsdogma Von Geheimrat Ed. König, enn die Karawane am Ostufer des Toten Meeres nordwärts zieht und ungefähr in der Mitte dieses Ufers das schluchtartige Tal überschritten hat, in welchem das Wasser des Arnon zwischen wildzerklüftetcri Sandsteinfelsen schäumend abwärts springt: so gelangt sie auf eine Hochebene, die zwei bis drei Meilen breit sich nach Norden ausdehnt Sic wurde, als das Volk Israel einst den Arnon überschritten und den König von Hesbon in der Schlacht bei Jahaz besiegt hatte, das Gebiet des Stammes Rüben. Diesen südöstlichen Strich von Palästina hatte er sich selbst als seinen Stammbesitz ausgebeten, weil die dortige Ebene seinen zahlreichen Herden vortreffliche Weidestrecken darbot. Ein kräftiges Lebenszeichen gab der Stamm Rüben von sich, als er, zusammen mit den nordwärts von ihm siedelnden Stämmen Gad und Ostmanasse, am westlichen Ufer des Jordan dem Ewigen einen Altar erbaute. Dies trug sich aber so zu. Das Werk der grundlegenden Eroberung des westlich vom Jordan liegenden Palästina war unter Josuas Anführung geleistet. Auch die Krieger der Stämme Rüben, Gad und Ostmanasse hatten wacker dabei geholfen. Nun wurden sie mit lautem Dank für ihre treue Waffenbrüderschaft nach ihren östlich vom Jordan liegenden Stammsitzen entlassen. Wie mag die freudige Hoffnung, ihre Familien und Besitztümer wiederzusehen, ihre Brust geschwellt haben! Aber ein Gefühl durchwogte noch mächtiger ihre Seelen, und e i n Gedanke durchzuckte sie doch am heftigsten. Das war das Gefühl der nationalen Zusammengehörigkeit mit den westlich vom Jordan sich ansiedelnden Teilen Israels, und das war der beängstigende Gedanke, dass sie mit der Rückkehr über den Jordan ihre Zusammengehörigkeit mit dem westlich wohnenden Israel verlieren könnten. Von diesem Gefühl und diesem Gedanken bewegt, erbauten sie vor dem Uebergang über den Jordan ein Denkmal ihrer nationalen Einheit mit dem westlichen Israel, und dieses Denkmal hatte — wie bemerkenswert ist doch aucli dies! — die Gestalt eines Altars für den Ewigen (Jos. 22, 10). Fast wäre ihnen diese herrliche Bezeugung ihres nationalen und religiösen Bcwusstseins freilich auch noch missdeutet worden. Fast hätten die westjordanischen Israeliten in diesem Altar ein Zeichen von Separationsgelüsten der Rubeniten und der andern ostjordanischen Israeliten erblickt. Wirklich wurde im Westen des Jordan eine Deputation gewählt, die diese Sache auf ihre Motive prüfen sollte. Aber die Führer der. Rubeniten und der andern ostjordanischen Stämme Israels fanden auf diese .Weise nur noch mehr Gelegenheit, das in ihnen lebendige Volks- und Olaubensbewusstsein laut zu bezeugen. Denn nun konnten sie beteuern: „Nur die Sorge, dass eure späteren Generationen unsere Zugehörigkeit zum Volke des Ewigen bestreiten möchten, hat uns zu diesem Bau getrieben" (Jos. 22,24). Mit diesen und andern eindrucksvollen Worten gelang es ihnen, das wahre Motiv jener Altarerbauung so klar