Neue jüdische Monatshefte
- Journal
- Neue jüdische Monatshefte
- Volume
- 1919-1920
- Issue
- Heft 5 (10.12.1919)
- Article
- Der jüdische Revolutionär
- Date
- 1919-12-10
- Page
- Seite 97 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2908689-2908753-2908756-2912382--2896-2912399- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
97 haupt nicht durch eine Idee geführt, die einer begrifflich durchdachten Problematik entstammt, sondern allein durch sein Gefühl, das häufig sogar in Sentimentalität umschlagt (dieser Typus kommt natürlich zu keiner fruchtbaren Entfaltung), Im letzten Grunde geht sein Denken und Tun stets auf den Menschen und nicht auf den Staat. Sucht er trotzdem in Augenblicken staatlicher Auflösung neue politische Ordnungen zu verwirklichen, so nniss er notwendig tragisch und unter den Flüchen des Rassenhasses enden : das Schicksal Rosa Luxemburgs, E i s n e r s , L a n dauers und vieler anderer. Keine Gestalt unserer Vergangenheit ist typischer für diese Art des jüdischen Revolutionars als Sabbatai Zewi: dieser glühende Prophet des 17. Jahrhunderts, der in mystischer und doch nachdenklicher Verzückung den Anbruch des messianischen Zeitalters verkündete, von Vbrder- Asien bis Deutschland unzahlige Anhänger fand, von den Regierungen verrolgt und ins Gefängnis geworfen wurde. Bei ihm findet sich vor allem der so jüdische Glaube der „Berufung" ausgeprägt, der, mögen auch seine Formeln wechseln, immer den echten jüdischen Revolutionär von Moses bis auf unsere Zeiten kennzeichnet. Dieses „weil ich nicht anders kann", dieser unbezwingbare Drang, das menschliche Wesen zu besserem und reinerem Blühen zu bringen — wobei es ganz gleichgültig ist, ob Offenbarungen, die Drohungen der Unheils-Propheten, menschliches Beispiel oder der wissenschaftliche Sozialismus den Weg zur Besserung bezeichnen — trennt ihn sehr vom Typus des europäischen Revolutionärs, wie ihn vor allem das IS. Jahrhundert ausgeprägt hat: den Beglückungs-Philosophen und freundlichen Sozial-Erfinder oder den eisigen Moralisten in der Art Robespier es. So nüchtern und nationalistisch der Jude sichei im Aufbau ist, so ist er im Umsturz (religiöser .Fanatiker, masslos in Hoffnung und Wirklichkeitsferne. Er empfindet wohl blutenden Herzens die Ungerechtigkeiten und Unzulänglichkeiten der herrschenden Ordnungen, stärker aber noch die Grausamkeit und -Lieblosigkeit der in ihr wohnenden Menschen. Von Grund aus ethischer Optimist (selbst die Unheilsprophezeiungen gipfeln in Optimismus, da das Furchtbare, das sie verkünden, ja zum Siege der ethischen Idee, zum Aufbau des;,Jahwe-Werks" dienen soll), klammert sich der Jude weniger an die Reformation des Staats als an die der menschlichen Gesinnung; er hat den Glauben, dass der Moment, der Throne, Generäle, oder Wirtschaftsmächte stürzt, daJurch also die Unsicherheit und Hohlheit der bisherigen Herrschaft zeigt, Anlass zu menschlicher Um- und Einkehr werden muss. Nidht also will er Glück schaffen, Besitz den Reichen nehmen, um ihn über die Armen zu verschwenden, wo er doch "weiss, dass neue Ungerechtigkeiten und Kämpfe die notwendigen Folgen sein müssen, sondern er will in den Tagen der Revolte und Zertrümmerung das verschüttete menschliche Gut, Religiosität, Liebe und Geist, erwecken und zu sieghafter Wirklichkeit bringen, mag sie auch leidhaft sein. Diese revolutionäre Mission des Juden hat in tiefster Schönheit Beer-Hofmann in seinem Drama „jaäkobs Traum"1) ausgedrückt: 17lEs~wird zurzeit im Deutschen Theater, Berlin, aufgeführt; Buchausgabe bei S. Fischer.